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Alice Schwarzer und der Fall Jörg Kachelmann

Zwischenbilanz III



von Gabriele Wolff

Am 17.10.2010 informiert Stefan Niggemeier im Bildblog über die Berichtigung von Alice Schwarzers Falschdarstellung in ihrem Artikel vom 15.10.2010, wonach die Verteidigung das mutmaßliche Opfer zunächst als »Stalkerin« verunglimpft habe.
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Und dann geht es Schlag auf Schlag: die persönliche wie kommerzielle Verstrickung von Alice Schwarzer in das Verfahren, in dem ganz ohne Wikileaks alles wohldosiert und gut getimed in die Öffentlichkeit gerät, wird enthüllt. Am 27.10.2010 offenbart der Verteidiger Birkenstock eine Kooperation zwischen dem Therapeuten der Nebenklägerin und Schwarzer:
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»Anwalt Birkenstock wehrte sich zwar letztlich nicht gegen den Ausschluss der Öffentlichkeit, ließ die Gelegenheit aber nicht ungenutzt, um wieder eines seiner berühmt-berüchtigten Statements abzugeben: Er sei doch „sehr erstaunt“, dass Professor Seidler einen Ausschluss der Öffentlichkeit wünsche, wo er doch gemeinsam mit Alice Schwarzer, die für die „Bild“-Zeitung über den Prozess berichtet, ein „publizistisches Projekt über Gewalt“ plane – „und das findet dann ja auch nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.“«
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»Die Feministin meint, der Moderator geniesse zu viel Sympathie. Ihr Buch kann man bereits vorbestellen. [...] Alice Schwarzer will ihre Erkenntnisse nun zwischen Buchdeckeln verewigen. Dafür hat sie auch den Psychotherapeuten Seidler kontaktiert. Die Internetbuchhandlung Amazon kündigt Schwarzers Werk über den Fall Kachelmann bereits auf November an. Der Prozess aber dauert mindestens bis Ende Dezember. Für 14.95 Euro lässt sich Schwarzers Vorurteil über ihren Ex-Tanzpartner schon heute vorbestellen.«, meldet der Schweizer Tages-Anzeiger prompt einen Tag später.
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Tatsächlich, bei Amazon ist ein virtuelles Werk von Alice Schwarzer: Der Fall Kachelmann, Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, mit alsbald von November auf den 24.2.2011 verschobenem Erscheinungdatum, eingestellt. Auch dieser Termin wird sich nicht halten lassen, weil das Gericht im November 2010 unter sträflicher Mißachtung des Termins der Leipziger Buchmesse (15.3. - 18.3.2011) Verhandlungstage bis Ende März 2011 anberaumt hat.
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Schwarzers Anti-Kachelmann-Engagement für Bild schlägt also gleich vier Fliegen mit einer Klappe: es gilt, den schwächelnden Verkaufszahlen von Emma auf die Beine zu helfen, das aktuelle Buch zum Islam-Konflikt zu vermarkten, sich Honorar-Einnahmen aus der ›Berichterstattung‹ sowie Akteneinsicht zu sichern und sogleich den nächsten Buch-Coup zu landen. Wenn denn alles so läuft wie geplant.

Am 28.10.2010, 23.44 Uhr, schlägt sie noch einmal auf gewohnte Art und Weise zu:

»ALICE SCHWARZER KOMMENTIERT

Kachelmann und die Mitleidsmasche«
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Seit dem 17.9.2010 (Ausnahme: der 24.9.) ›berichtet‹ sie, die im Gerichtssaal überwiegend durch Abwesenheit glänzt, nämlich nicht mehr, sondern ›kommentiert‹, was der Sache, die sie betreibt, schon etwas näher kommt. Ihr Kommentar besteht aus unzulässiger Kritik an der Aussageverweigerung des Angeklagten und arbeitet mit den Stilmitteln der Wiederholung und der unterstellenden Fragen. Entsprechende Anregung lieferte ihr ein PR-Gag der Nebenklägerin:
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»Aufsehen erregt hatte die Hauptbelastungszeugin in dieser Woche damit, dass sie sich bei der Anfahrt zum Gericht ein Buch vors Gesicht hielt mit dem beziehungsreichen Titel: „Der Soziopath“. [recte: ›Der Soziopath von nebenan‹]
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Soziopathen sind Menschen, die sozial gestört sind und weder Einfühlungsvermögen in andere haben, noch die Fähigkeit, Schuld oder gar Reue zu empfinden.
In der Tat muss Jörg Kachelmann sich fragen lassen, ob er gestört ist. Er hatte zur angeblichen Tatzeit schließlich schon fünf Frauen gleichzeitig Ehe und Kinder versprochen und soll von jeder erwartet haben, dass sie „treu“ ist.«
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Mag die Anzahl der derart getäuschten Frauen auch beliebig wechseln, dank nichtöffentlicher Vernehmungen weiß man es schließlich nicht so genau, und die Presseveröffentlichungen blieben leider Gottes auch allzu vage –: aber durch ständige Wiederholung wird ein unguter Eindruck nun mal zum Faktum. Und verdeckte Untreue spricht eindeutig für eine behandlungsbedürftige Störung. Im Zweifel geht doch nichts über das Glück zwangsheterosexueller ehelicher Monogamie, wenn’s darauf ankommt, moralisch zu punkten. Die Sache mit dem per se archaischen Gewaltverhältnis in einer stets ›sogenannten‹ Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau wird im höheren Interesse dann eben mal kurzfristig zurückgestellt und stattdessen ungeniert ein falscher Lebensentwurf propagiert.
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»Doch der Angeklagte, der seine Ex-Freundin brutal vergewaltigt haben soll, und die Tat bestreitet schweigt weiterhin beharrlich.«
»Doch?« Wieso denn »doch«? Als reueloser Soziopath hat man schließlich nichts zu erörtern. Die paar windelweichen Entschuldigungen im öffentlich verlesenen Protokoll der Vernehmung vor dem Haftrichter und im Spiegel-Interview nach der Haftentlassung zählen nicht.
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»Einige Stunden zuvor hatte Kachelmann an seine Favoritin in Hamburg gemailt. [...] Ihr schickte er den Link http://de.wikipedia.org/wiki/ Dissoziative_Identitätsstörung. Das solle sie lesen. Darüber müsse er mit ihr sprechen. Bei dieser Art psychischer Störung geht es darum, dass ein Mensch zwei oder mehrere Persönlichkeiten in sich tragen kann – wovon angeblich die eine manchmal nicht weiß, was die andere tut.«
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Das hat zwar jetzt mit dem Soziopathen, wie er im Buche steht und stand, so direkt nichts zu tun, und wer weiß, auf wen Jörg Kachelmann diese umstrittene, mehrheitlich Frauen mit angeblichen verdrängten traumatischen Mißbrauchserlebnissen gestellte, Diagnose bezogen haben mag; jedenfalls geht es auch hier um eine Störung, und so stand es schließlich am 2.8.2010 im Focus, der sich auf die Ermittlungsakten berief. Respekt, Alice Schwarzer hat endlich einmal recherchiert und sich zu einer Selbstkorrektur aufgeschwungen. Am 24.9.2010 (»Darum ist es wichtig, dass Ex-Freundinnen aussagen«) hatte sie da noch einiges durcheinandergebracht:
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»In einer E-Mail vom 10. Februar 2010 an diese Freundin, also dem Tag nach der mutmaßlichen Tat, schreibt der Angeklagte aus Kanada, er wolle früher von den Olympischen Spielen in Kanada zurückkehren. Einen Tag später ruft er sie an. Es gehe ihm nicht gut. Er sei wegen „dissoziativer Identitätsstörungen“ in Behandlung und hätte auch schon dreimal versucht, sich das Leben zu nehmen. Soll er zu ihr gesagt haben.«

Schwamm drüber. Irrtümer kommen nun mal vor, wenn man auf die Schnelle was zu Papier bringen muß und es mit der Gedächtnisleistung hapert. Und ob jemand eine Lektüreempfehlung mit Link zu einer umstrittenen Psycho-Diagnose mailt oder telefonisch mitteilt, er selbst sei wegen dieser Erkrankung in Behandlung: wo ist da schon groß ein Unterschied?
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Im Vollgefühl gesicherter Faktentreue fährt Schwarzer unbekümmert fort:
»Die Freundin, mit der er seit 2003 liiert war, hielt das Ganze zunächst für einen seiner üblichen Tricks. Mal wieder. Schließlich habe Kachelmann sich schon mehrfach mit der Behauptung, er sei erkrankt, aus der Affäre gezogen. In den Jahren 2005-/2006 habe er einen solchen „krankheitsbedingten“ Rückzug von dieser Freundin sogar genutzt, um zwischendurch mal eben eine andere zu heiraten.«
Das ist jetzt bedauerlicherweise wieder unrichtig, denn die Eheschließung fand bereits im Jahr 2004 in Kanada statt, wie jene Freundin gegenüber Bunte erzählte, was nach anderen Quellen sogar zutreffend ist.
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»Doch diesmal schien es ernst zu sein. Denn am nächsten Tag soll er sie angerufen haben: Ihm ginge es sehr schlecht. Er sei in ein Loch gefallen und hätte auch schon drei Mal versucht, sich das Leben zu nehmen.« So ungenau – in welcher grauen Vorzeit sollen diese Versuche stattgefunden haben? – steht es tatsächlich im Focus vom 2.8.2010, der hier wiederum ungenannt zitiert wird. Was soll man auch schreiben, wenn man nicht vor Ort ist und ohnehin fast alles hinter verschlossenen Türen verhandelt wird?
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Jetzt haben wir also schon das dritte Krankheitsbild, eine depressive Verstimmung bzw. Episode. Das paßt jedenfalls zu der auch von Schwarzer erwähnten Mail an den MDR vom 10.2.2010, über die es im Tages-Anzeiger heißt:
»Am nächsten Tag verfasste der 52-Jährige ein E-Mail an die Programmdirektion des Mitteldeutschen Rundfunks. Er wolle nicht als «Deisler reloaded» oder Heulsuse der Nation oder Schlimmeres enden, schrieb der Schaffhauser an die Chefetage seines Haussenders aus der ARD-Gruppe. Deshalb wolle er künftig nur noch das Wetter, aber keine Talksendungen mehr moderieren.« Hieran, wie auch an »Mir geht es nicht gut«-Nachrichten an eine andere Ex-Freundin vom Vortag knüpft der Tages-Anzeiger folgende Fragen:
»Sind das alles Indizien, die auf eine Vergewaltigung hindeuten? Oder sind es Botschaften eines aus anderem Grund verstörten Mannes? Steckte Kachelmann in einer Krise, weil sich die Frau von ihm getrennt hatte, wegen derer Anzeige er nun vor Gericht steht?«
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Alice Schwarzer, die sich zwischen Soziopathentum, dissoziativer Identitätsstörung, Depression oder Simulation nicht so recht entscheiden mag (ein allerdings äußerst kurzfristiges burn-out-Syndrom wegen hektischen Lebensstils käme ebenfalls noch in Betracht), kommen naturgemäß andere Fragen ein:
»Mal wieder die Mitleidsmasche, die Kachelmann anscheinend bei vielen Frauen mit Erfolg ritt? Oder war diesmal etwas dran? Kann die mutmaßliche Vergewaltigung der Höhepunkt einer Krise gewesen sein – beziehungsweise könnte eine solche Tat ihn überhaupt erst in die Krise gestürzt haben?
Da Kachelmann selber weiterhin entschlossen scheint zu schweigen, [Man kann gar nicht oft genug auf diese unmoralische Prozeßstrategie hinweisen! Anm. der Verfasserin] wird dem Gericht und auch Gutachter Prof. Hartmut Pleines nichts anderes übrig bleiben, als sich auf Kachelmanns stumme Mimik und die Aussagen anderer zu stützen. Pleines ist der Psychiater, der ihn während des Prozesses beobachten und begutachten soll.«
Ob der Sachverständige Schwarzers Fragen beantworten wird? Oder ob sie sich ihm als Wissenschaftler gar nicht erst stellen?
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Der Schluß zeigt einen erfreulichen Lernfortschritt. Erstmals nämlich informiert Alice Schwarzer die Leserschaft:
»Ein Angeklagter hat das Recht zu schweigen«
macht dann allerdings überdeutlich, was sie davon hält, wenn jemand von diesem Recht dreisterweise auch Gebrauch macht: » – jedoch nicht die Pflicht.«
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Am selben Tag, dem 28.10.2010, erwirkt Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Köln, weil die nachweislich falschen Angaben, zu deren Unterlassung Schwarzer sich verpflichtet hat, zwar von Bild Online, nicht aber von den Online-Plattformen Emma.de und AliceSchwarzer.de entfernt worden waren.
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Auch ihr Arbeitgeber geht seine eigenen Wege: am 3.11.2010 wird Bild mal wieder zum Leitmedium der Nation, auch wenn es sich dafür von Alice Schwarzer absetzen muß. Jörg Kachelmann gewährt ein Interview, in dem er das Ende seiner Tätigkeit als Moderator bekannt und inzidenter schon mal Hinweise für eine Schadensersatzberechnung gibt:
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»„Ich werde nach all dem keine Wettersendungen mehr moderieren können. Nachdem Staatsanwaltschaft und Medien mein angebliches Privatleben gewaltsam öffentlich gemacht haben, wär’s mit dem Blumenkohlwolken-Onkel wohl schwierig. Das Kapitel Fernsehen ist dadurch für mich beendet worden“, sagt Kachelmann.«
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Die Fernsehkarriere ist durch die Pressepolitik der Staatsanwaltschaft und die Medienhatz beendet worden. »Angebliches« Privatleben – man kann sich Schwarzers Fassungslosigkeit vorstellen. Da schreibt sie seit Wochen superengagiert gegen diesen Mann an, nimmt unter Verleugnung ihrer eigenen dominanten Persönlichkeit die vermutete Perspektive des mutmaßlichen Opfers ein, und jetzt darf der sich in ›ihrem‹ Blatt als Opfer inszenieren... Und es kommt noch schlimmer: vor sechs Tagen hat sie ihn noch als gewissen- und reuelosen Soziopathen entlarvt, und nun durchkreuzt er das Bild und macht einen auf einsichtigen und geläuterten Sünder!
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»Kachelmann versucht zu erklären, wie sein Leben entgleiten konnte: „Ich habe in den vergangenen Jahren ein Hochgeschwindigkeitsleben geführt – mit viel Arbeit und einem Durcheinander im Liebesleben. Ich war nicht immer treu, offen und ehrlich mit meinen Partnerinnen.“
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Gegenüber dem Oberlandesgericht [gemeint ist wohl der Haftrichter; Anm. der Verfasserin] hat Kachelmann dieses Leben mit diesen vielen Frauen – so wörtlich – als einen „Lebensführungsfehler“ bezeichnet. Kachelmann sagt: „Ich werde noch in vielen Gesprächen Menschen um Verzeihung bitten müssen.“
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Zwei Vorsätze hat er gefasst:

„Wenn ich in Zukunft eine Beziehung führe, werde ich monogam leben.“

„Ich werde in Zukunft Situationen vermeiden, in denen man mir etwas vorwerfen kann, was ich nicht getan habe.“
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Unglaublich! Bild macht PR für den Angeklagten und transportiert sogar noch dessen Lügen-Bezichtigung gegenüber dem mutmaßlichen Opfer...

Daß er vielleicht zu Mama ziehen, jedenfalls Heilig Abend mit ihr verbringen und danach bei den Kindern sein werde, das alles darf er auch noch loswerden. Kitschiger geht’s doch gar nicht.
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Mit ein wenig Stolz und Ehre im Leib hätte sie Kai Diekmann zum Duell auffordern müssen. Oder den Bettel hinschmeißen. Aber da gibt es ökonomische Abhängigkeiten. Und sachliche: denn Bild verfügt über die Akten, die sie für ihr Buch braucht. Außerdem: sie muß im Gespräch bleiben, um das Buch vermarkten zu können. Also fügt sie sich ins Unvermeidliche. Aber die Aggression bleibt und sucht sich ihr Ventil.

Es schäumt in ihr, und es schäumt über. Denn die Störmanöver der Umwelt häufen sich und bedrohen die übliche Selbstgewißheit. Jörg Kachelmanns Medienanwalt Höcker wird bei Kiepenheuer &Witsch wegen des geplanten Buches vorstellig und macht deutlich, daß Persönlichkeitsrechtsverletzungen nicht hingenommen werden.
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Und dann wagt es die 33-jährige Familienministerin Kristina Schröder auch noch, in einem am 8.11.2010 erschienenen Spiegel-Gespräch (Titel: „Wir müssen selbstbewusster werden“) die von Schwarzer übernommene Grundthese ihrer Ikone Simone de Beauvoir abzulehnen (zurecht: monokausale Erklärungen für komplexe Phänomene können nur falsch sein) und sich, in aller Höflichkeit, despektierlich über Alice Schwarzer selbst zu äußern:

Spiegel: Frau Schröder, wir haben mal einen Blick in Ihre Abiturzeitung geworfen.

Schröder: O Gott, jetzt kommt's …
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Spiegel: Darin findet sich der Satz, dass Sie niemals Feministin werden möchten. Was fanden Sie denn so schlimm an denen?

Schröder: Gar nichts, aber ich stimme einer Kernaussage der meisten Feministinnen nicht zu, nämlich der von Simone de Beauvoir: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es." Dass das Geschlecht nichts mit Biologie zu tun hat, sondern nur von der Umwelt geschaffen wird – das hat mich schon als Schülerin nicht überzeugt.

[...]
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Spiegel: Wie finden Sie Alice Schwarzer?

Schröder: Ich habe viel von ihr gelesen – "Der kleine Unterschied", später dann "Der große Unterschied" und "Die Antwort". Diese Bücher fand ich alle sehr pointiert und lesenswert. Etliche Thesen gingen mir dann aber doch zu weit: zum Beispiel, dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Da kann ich nur sagen: Sorry, das ist falsch.

Spiegel: Warum?
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Schröder: Es ist absurd, wenn etwas, das für die Menschheit und deren Fortbestand grundlegend ist, per se als Unterwerfung definiert wird. Das würde bedeuten, dass die Gesellschaft ohne die Unterwerfung der Frau nicht fortbestehen könnte.

Spiegel: Dachten Sie, Feministinnen würden Beziehungen zwischen Männern und Frauen grundsätzlich ablehnen?
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Schröder: Es gab in der Tat eine radikale Strömung, die in diese Richtung argumentiert hat und die die Lösung darin sah, lesbisch zu sein. Dass Homosexualität jetzt aber die Lösung der Benachteiligung der Frau sein soll, fand ich nicht wirklich überzeugend.

Spiegel: Was glauben Sie: Hat der Feminismus die Frauen unterm Strich glücklicher gemacht?

Schröder: Gute Frage. Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden. Es ist nicht der einzige Weg, aber es ist doch für sehr viele Menschen der wichtigste.«
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Umgehend, noch am 8.11.2010, erfolgt die Reaktion, die in Wortwahl und Diktion von einem Furor getrieben ist, der nicht allein durch die Ministerin ausgelöst sein kann; so beginnt Schwarzers Offener Brief auf ihrem Blog:

»Sehr geehrte Frau Ministerin! Sie sind jetzt seit fast einem Jahr im Amt. Seither warte nicht nur ich auf Taten und Zeichen von Ihnen, die die Lage der Familien verbessern und die Gleichberechtigung der Frauen weiter bringen könnten. Zeichen, wie wir sie von Ihrer couragierten Vorgängerin gewohnt waren. Wir warteten bisher allerdings vergebens. Die einzig aufregende Nachricht aus Ihrem Amt war Ihr Namenswechsel von Köhler auf Schröder – was mich persönlich, ehrlich gesagt, bis heute verwirrt.«

Und so endet er:
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»Es ließe sich noch vieles sagen, Frau Schröder. Aber, darf ich offen sein? Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet. Zumindest für diesen Posten. Vielleicht sollten Sie Presse-Sprecherin der neuen, alten so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten werden.

Mit Bedauern und besten Grüßen
Alice Schwarzer (eine von vielen frühen Feministinnen)«

Dummerweise hat Kristina Schröder die radikale Strömung des Feminismus’ der siebziger Jahre völlig zutreffend dargestellt – dagegen ist gar nichts einzuwenden. Alice Schwarzer probiert es dennoch:
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»Als erstes nehmen Sie sich den „frühen Feminismus“ vor. Da haben Sie als Jahrgang 1977 zwar die Gnade der späten Geburt, aber nicht das Recht, Stammtisch-Parolen zu reproduzieren. Stammtisch-Parolen aus den 1970er Jahren wohlgemerkt. Denn die Stammtische 2010 sind längst weiter, viel weiter als Sie.

Der „frühe Feminismus“ habe „übersehen, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden“, für ihn sei die Homosexualität „die Lösung der Benachteiligung der Frau“ gewesen, behaupten Sie.

Frau Ministerin, ein so billiges Klischee wagen Sie doch nicht allen Ernstes über die folgenreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts zu verbreiten?«
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Ein (Gegen)Argument sucht man hier vergebens, und es kommt auch keins mehr.
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Selbstverständlich galt Homosexualität seinerzeit als ein Königsweg der Befreiung aus unterdrückender ›Zwangsheterosexualität‹, und wer damals, beispielsweise im Kölner Frauenzentrum, an der Frauenbewegung teilnahm, konnte nur kopfschüttelnd die Hennenkämpfe zwischen ›Urlesben‹ und ›Bewegungslesben‹ verfolgen, die miteinander darum stritten, wem die Krone des Vorrangs innerhalb der Bewegung gebühre. Berufstätige oder studierende Hetero-Single-Frauen waren als Mitwirkende gerade noch genehm (zu diesem Kreis gehörte ich im Jahr 1977), die mit männlichen Partnern wurden schon mißtrauisch beäugt, und am rangniedrigsten angesiedelt waren Hausfrauen und Mütter – über die Frage, ob sie auch männliche Kinder und wenn ja, bis zu welchem als noch irgendwie geschlechtslos aufzufassendem Alter, ins Zentrum mitbringen durften, wurde heftigst debattiert.
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An das Ergebnis der Abstimmung kann ich mich nicht mehr erinnern, nur noch an die unsägliche Aggressivität der Debatten, die Vernunftgründe geradezu ausschlossen. Besser erging es jedenfalls dem männlichen Getränkelieferanten, dem aus naheliegenden Gründen nach nur kurzer Diskussion der Zutritt zur Ausführung seiner Dienstleistung gestattet wurde. Satire? Keineswegs.
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Über die Frage, ob zu Frauen operierte Transsexuelle das Frauenzentrum betreten durften, brach schließlich ein Glaubenskrieg aus, der es an irrationaler Wucht mit mittelalterlichen Häresie-Prozessen aufnehmen konnte. Hinterrücks wurden Verdächtigungen gestreut, die Vertreterinnen der einen oder der anderen Fraktion könnten mit Spendengeldern in bedenklicher Weise umgegangen sein –: das war seinerzeit für mich der Wendepunkt. Es ging eindeutig mehr um Macht und Deutungshoheit innerhalb der Bewegung als um Chancengleichheit für Frauen, auf die es mir damals ankam. Wir haben unterschiedliche Konsequenzen aus diesen seelisch deformierenden Auseinandersetzungen gezogen: ich habe mich zurückgezogen und andere Erfahrungs- und Betätigungsfelder gesucht und gefunden. Alice Schwarzer, die keine Alternative hatte, blieb und hat, um sich durch- und absetzen zu können, jegliche Beißhemmung gegenüber Konkurrentinnen verlieren müssen. Über diese leidvollen Erfahrungen schrieb sie in Emma 3/1978:

»Die offene Auseinandersetzung wurde Frauen bisher verweigert. Also lernten sie, die Waffen der Schwachen zu benutzen, griffen sie zur Heuchelei, List und Intrige.
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Wir alle wissen, worum es dabei geht. Die Freundin, der wir etwas anvertraut haben, und die es nun gegen uns benutzt. Die Kollegin, von der wir glaubten, sie stünde auf unserer Seite, und die nun hinter unserem Rücken über uns hetzt. Die Feministin, mit der wir jahrelang zusammengearbeitet haben, und die nun eine persönliche Verstimmung oder inhaltliche Meinungsverschiedenheiten nicht offen austrägt, sondern hinterrücks durch Tratsch, Unwahrheiten und Diffamation. [...] Doch unser Hauptfeind sind nicht die Frauen, sondern ist und bleibt die Männergesellschaft. Und wenn manche Frauen sich heute noch nicht entsprechend verhalten können, dann müssen wir, bei aller Sisterhood, auch fähig sein, uns zu wehren – auch gegen die eigenen Schwestern.«
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Ihre ganze Härte, Aggressivität, Schläue und auch ihr taktisches Verhältnis zur Wahrheit ist ein Produkt des Trainings aus diesen frühen Jahren der Emanzipationsbewegung, von der sie sich jetzt gegenüber Kristina Schröder aber zu distanzieren scheint:

»Sodann bürsten Sie mich ab, klar. Sie hätten zwar „viel gelesen“ von mir, aber… Mit Verlaub: Ich kann mir das kaum vorstellen. Sonst würden Sie nicht einen so hanebüchenen Unsinn behaupten wie den: Ich hätte geschrieben, „dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau“.
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Ich vermute, Sie rekurrieren damit auf den 1975 (!) erschienenen „Kleinen Unterschied“. Darin wird in der Tat die Funktion von Sexualität und Liebe bei der (Selbst)Unterdrückung von Frauen analysiert. Das ist weltweit ein zentrales feministisches Thema. Denn noch immer verstehen manche Frauen unter Liebe vor allem Selbstaufgabe, und ist Sexualität noch viel zu oft mit Gewalt verbunden.

Aber das war, wie gesagt, 1975, zwei Jahre vor Ihrer Geburt. Seither habe ich schon noch dies und das veröffentlicht. Inzwischen schreiben wir nämlich das Jahr 2010.«
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Damit räumt sie zwar zögerlich-verschwommen ein, daß sie früher so gedacht habe, wie von Kristina Schröder behauptet und abgelehnt wird – es stimmt ja auch und ist jederzeit nachlesbar. Sie scheint aber anzudeuten, daß sie danach noch »dies und das« veröffentlicht habe, das eine Weiterentwicklung der Grundhaltung ›Heterosexuelle Sexualiät ist Machtausübung durch den Mann‹ dokumentieren könne. Allerdings weist sie auf keinen entsprechenden Text hin – es gibt auch keinen; noch in der 2001 überarbeiteten Fassung von ›Eine tödliche Liebe‹ vertritt sie dieselbe krude These von der sogenannten ›Penetration‹ als Unterwerfungsinstrument: »Der große Frauenheld seiner wirkungsvollsten Waffe beraubt? Er scheint impotent geworden zu sein. [...] Sie [Petra Kelly] entmannt ihn öffentlich. Gert Bastian, der große Verführer, entwaffnet. Bleiben ihm nur noch seine Pistolen.« (ebd., S. 44 f.). Aus ihrer Sicht ist das nun mal folgerichtig: wer die Frauen nicht mehr penetrieren kann, muß sie eben erschießen, um seine Dominanz unter Beweis zu stellen.
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In ihrem Brief an die Ministerin wechselt sie dann auch abrupt das Thema und kommt auf die von Schröder beklagte Feminisierung der erzieherischen Berufe und der Lehrerschaft zu sprechen, die für schulische Mißerfolge der ohne männliches Vorbild bei alleinerziehenden Müttern aufwachsenden Jungen mitverantwortlich sein könnte. Bei diesem Thema unterstellt sie der Ministerin eine Unterstellung, die letztere gar nicht vorgenommen hat:

»Sie gehen dabei so weit, feministischen Pädagoginnen zu unterstellen, sie würden „Jungs bewusst vernachlässigen“, was „unmoralisch“ sei. Es ist diese Unterstellung, Frau Schröder, bei diesen Frauen, die einen sehr harten, sehr engagierten Job machen, die unmoralisch ist!«

Was hatte Schröder wirklich gesagt?
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»Schröder: Fest steht: Jungs sind schlechter in der Schule als Mädchen, sie gehen häufiger auf die Hauptschule, sie bleiben häufiger sitzen. Und keiner kann mir erzählen, dass Jungs dümmer sind als Mädchen.

Spiegel: Das ist ja nett von Ihnen.

Schröder: So bin ich eben.

Spiegel: Wir hatten, offen gesagt, den Eindruck, dass wir Männer bislang ganz gut ohne Ihre Hilfe klarkamen: Von den 185 Dax-Vorständen in Deutschland sind immerhin 181 männlich.
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Schröder: Ich fände es aber ganz mies, den Jungs zu sagen: Weil die Männer die vergangenen Jahrtausende unbestritten die Vorherrschaft besaßen, werdet ihr jetzt in der Schule nicht vernünftig gefördert. Einen Feminismus, der die Jungs bewusst vernachlässigt, halte ich für unmoralisch.«

Damit greift Schröder keineswegs Lehrerinnen und Erzieherinnen in ihrer täglichen Arbeit an, sondern feministische Autorinnen, die Förderprogramme zugunsten leistungsschwacher männlicher Kinder und Jugendlicher ablehnen wie beispielhaft Jeanne Rubner: Die armen Jungs, in Emma/ Herbst 2010, S. 74-77.
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Tenor: das Problem wird übertrieben, in der Arbeitswelt hat es sich auch noch nicht segensreich für die Frauen ausgewirkt und eine Kausalität zwischen zunehmender Verweiblichung der Lehrerschaft und dem Schulversagen von Jungen ist wissenschaftlich ja noch nicht erwiesen. Alice Schwarzer formuliert das letztgenannte Argument in ihrem Offenen Brief und fügt ihre wie immer klarere unwissenschaftliche Sicht der Dinge an: »„Schuld“ ist eher ein verunsichertes Verständnis von „Männlichkeit“, eine Männerrolle, bei der es als uncool gilt, zu lernen, und als cool, zu pöbeln – und Pornos zu konsumieren.«

Peng. Die Obsession ›Pornographie‹ ist auch wieder untergebracht, und dann folgt prompt islamisch bedingtes Machotum, und, man ist von ihrer Objektivität entzückt, auch noch die osteuropäische, doch eher katholisch geprägte, Ex-Sozialismus-bzw. Militär-Kultur, denn ein deutsches Prekariat existiert ja wegen der folgen- und segensreichen Feminismusbewegung nicht:
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»„Schuld“ ist auch der Zuzug von Menschen aus Kulturen nach Deutschland, die eben leider nicht durch den Feminismus gegangen sind, wie die ex-sozialistischen Militärdiktaturen Osteuropas oder die muslimischen Länder.«
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Alice Schwarzer geht auf die Interviewaussagen der angegriffenen Ministerin inhaltlich nicht ein – insbesondere auf die bedeutsamste nicht, die Ablehnung einer Frauenquote für den Bereich der Wirtschaft. Womöglich teilt sie diese Position? Das wäre immerhin konsequent. Wer, wenn nicht sie, kennt nicht die vielen unfähigen ›Weibchen‹, die man, auch als Kanzlerin, um Gottes Willen nicht in gehobene Positionen hieven sollte, nur um der Quote willen? Hat sie etwa eine Quote gebraucht, um im Fernsehen auftreten zu dürfen und berühmt zu werden? Tatsächlich, im Stern 47/2010 vom 25.11.2010, S. 160, springt sie der Ministerin bei: »Aber letztlich ist die Quote eine Krücke. Ob in Politik oder Wirtschaft. Und sie ist gefährlich. Denn die Quote bringt vor allem Frauen von Männergnaden voran. Und so manche Männer schieben gern mittelmäßige, angepasste Frauen in Posten – um die tüchtigen Frauen außen vor zu lassen.«
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Der Widerhall, der ihre unfaire Attacke auslöst, kann ihr allerdings nicht gefallen. Insbesondere Bild läßt sie schon wieder im Stich: Tanit Koch zont den Streit, nicht ganz unberechtigt, am 9.11.2010 auf einen Zickenkrieg herunter:

»Alice Schwarzer (67) faltet Ministerin (33)zusammen! Bizarrer Sex-Streit

Es geht um Sex, Unterwerfung und Feminismus

Generalabrechnung von Frau (67) zu Frau (33)!«

Da »wütet« Schwarzer, von »Wutbrief« ist die Rede und von einem »K.o.-Schlag«. Das letzte (verbindliche) Wort aber erhält die so maßlos angegriffene Ministerin:
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»Schröder zu Bild: „Ich finde es schade, dass Frau Schwarzer mich gleich persönlich angreift. Das hat sie doch gar nicht nötig. Ich habe viele Bücher von Alice Schwarzer gelesen und darin Kluges, aber auch Kritikwürdiges entdeckt. Leider hat Frau Schwarzer mein Interview nicht richtig gelesen. Das ist wohl der ‚kleine Unterschied‘ zwischen uns.“«

Auch der Focus, noch kürzlich mit ihr im Anti-Islam- und Anti-Kachelmann-Engagement vereint, läßt sie fallen: »Wie Schneewittchens böse Stiefmutter« ist der kritische Artikel von Martina Fitz in der Online-Ausgabe vom 12.11.2010 betitelt, in dem sich die Autorin einem Diktum in der taz anschließt:
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»In der „taz“, wahrlich kein Blatt, dass des Anti-Feminismus verdächtig wäre, schreibt der Schriftsteller Ralf Bönt in dieser Woche ein denkwürdiger [!] Satz: „Lese ich aber Alice Schwarzers offenen Brief an die Ministerin Schröder, dann habe ich … das Gefühl, dass sie die Frauen schwach und unterdrückt braucht, um sich als ihre Heldin und Befreierin installieren zu können.“ Und weiter: Die Frauen heute „fühlen, dass die alte Kämpferin genau jenen Weg versperrt, den sie öffnen wollte und geöffnet hat. Ihr Feminismus kann sich in die Rente verabschieden“.«
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In der Print-Ausgabe des Focus vom 15.11.2010 erhält Cora Stephan zwei Seiten, um Werdegang und Motivation von Schwarzer nachzuzeichnen, wobei sie für einen Kenner der Frauenbewegung zu folgendem schlüssigen Fazit kommt:
»Und am besten ist sie, wenn sie eine potentielle Konkurrentin niedermacht. Wer sie kürzlich in einer Talkshow über den Kachelmann-Prozess gesehen hat, hat gewiss bemerkt, dass sie mit den männlichen Diskutanten respektvoll, ja geradezu flirtiv umging. Attackiert wurde die einzige Frau in der Runde, Gisela Friedrichsen, die unter dem Redeschwall der entfesselten Furie alsbald fassungslos verstummte. Alice Schwarzer hat sich erfolgreich als Marke etabliert. Ihr geht es um sich, um nichts anderes. Das sollte man ihr nicht verübeln. Egoismus ist legitim. Kritisieren wir sie also dafür nicht: Denn von Alice lernen, heisst siegen lernen. Sucht euch ein moralisch und politisch in sich gerechtfertigtes Anliegen, macht euch zur einzigen legitimen Vertreterin dieser Idee auf Erden und ihr habt es geschafft, Mädels. Da ist noch weit mehr zu holen als ein Job als „Gleichstellungsbeauftragte“!
Die Sache mit dem Mülleimerruntertragen, ehrlich, ist wirklich nicht so wichtig.«
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Pressebündnisse – hier Alice Schwarzer mit Focus und Bild – sind Allianzen auf Zeit, und es steht zu befürchten, daß sie von allen Beteiligten aus reinen Nützlichkeitserwägungen geschlossen werden...

Am 19.11.2010, im Rahmen einer Prozeßpause, nutzt Alice Schwarzer die Bild-Reichweite in eigener Sache, die sie leichthändig mit der Sache des ›Opfers‹ verknüpft. Unter der Überschrift:

»Mutmaßliches Opfer zur „Erfinderin“ gestempelt«
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wendet sie sich gegen Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker, der stolz darauf wirke, »schon jetzt mehr als 50 einstweilige Verfügungen gegen Zeitungen und Zeitschriften durchgesetzt zu haben, mit denen diese höchst richterlich mundtot gemacht wurden. Auch Bild und „Emma“ sind davon betroffen.«
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Wie Rechtsunkenntnis, der Unfug der Rechtschreibreform und die Idiotie von Rechtschreibprogrammen eine unheilvolle Symbiose eingehen, läßt sich an diesem Satz sehr schön belegen. ›Höchst richterlich‹: höchstens richterlich oder ›höchstrichterlich‹? Letzteres wäre zumindest richtig geschrieben, wenn auch inhaltlich falsch. Das Landgericht Köln ist nun wirklich keine höchstrichterliche Instanz... BILD und Emma und alle anderen wurden auch keineswegs »mundtot« gemacht, jeder darf weiterhin meinen, Parteiergreifen und Fakten interpretieren. In den Grenzen von Recht und Gesetz selbstverständlich nur. Und wenn einem im Eifer des Gefechts eine unrichtige Tatsachendarstellung unterläuft, dann entfernt man sie eben. Je rascher, umso preisgünstiger.
»Ein solches Vorgehen ist durchaus legitim.«, findet dann ja auch Schwarzer, die sich also nur künstlich aufgeregt hat, um danach allerdings beklommen zu fragen: »Wie aber steht es mit dem mutmaßlichen Opfer?«
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Und berichtet von einem Brief, von dem kein Mensch ohne ihren Artikel jemals erfahren hätte. Es ist dies eine Schwarzer-Spezialität, private Briefe und Mails in die Öffentlichkeit zu lancieren: »In einem Brief an meinen Verlag Kiepenheuer und Witsch bezeichnete der Medienanwalt die Ex-Freundin (die sagt, sie sei in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar von ihrem langjährigen Freund vergewaltigt und mit dem Tode bedroht worden) als „die Erfinderin des Vergewaltigungsvorwurfes“.
Einfach so. Mal eben. Nicht: das „mutmaßliche Opfer“. Auch nicht: „das angebliche Opfer“. Nein: „die Erfinderin des Vergewaltigungsvorwurfes“. Denn das weiß man ja, dass Frauen so was gerne erfinden.«
Es dürfte Schwarzer einleuchten, daß Höcker hier nicht als Verbreiter allgemeiner Vorurteile, sondern als bestinformierter Interessenvertreter einer Partei in einem konkreten Fall auftritt, den sie in der Folge aufrollt:
 290
»Der Kachelmann-Anwalt schreibt das in einem Brief, mit dem er vorauseilend versucht, mein geplantes Buch über den „Fall Kachelmann« zu verhindern – zumindest aber seine Veröffentlichung zu erschweren. Denn dieses – bisher noch gar nicht geschriebene! – Buch würde „fast sicher angreifbare Rechtsverletzungen enthalten“, so Höcker.
In Fachkreisen heißt dieses ganze Gebaren „Litigation PR“, Öffentlichkeitsarbeit im Rechtsstreit.«
 294
Heißt es nicht. Denn hier geht es um einen internen Vorgang, der ohne diesen Artikel im Verborgenen geblieben wäre: Alice Schwarzers Buch soll ja erst nach dem Urteilsspruch erscheinen und auf das Verfahren, anders als ihre Artikel, keinen Einfluß nehmen. Da Schwarzer die Sicht des mutmaßlichen Opfers übernimmt, das erfreulicherweise selbst nach einem Freispruch ›in dubio pro reo‹ ein mutmaßliches Opfer bleiben kann, wird sich ihr Werk naturgemäß gegen Jörg Kachelmann richten.

Alice Schwarzer kennt das Problem der Verletzung von Persönlichkeitsrechten durch Buchveröffentlichungen, ganz jenseits von Litigation PR, aus leidvoller eigener Erfahrung. Denn im Jahr 1984 legte sie just dasselbe »Gebaren« – das in der unkorrigierten Fassung des Artikels in ihrem Blog als »Gebahren« daherkommt – an den Tag und wurde ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch vorstellig – mit Erfolg. Julia Bähr [i.e. Claudia Pinl], eine der vielen Ex-Mitstreiterinnen bei Emma, konnte ihr autobiographisches Buch ›Klatschmohn. Eine Geschichte aus der Frauenbewegung‹ nicht so veröffentlichen, wie sie es gerne wollte. Aufklärung erteilt der Verlagstext auf S. 6:
 300
»In diesem Buch gibt es auf einigen Seiten Lücken im Text. Nach Satz, aber vor Druck sah der Verlag sich gezwungen, einige Stellen des Buches auf Betreiben von Frau Alice Schwarzer zu eliminieren bzw. abzuändern.«

Was Schwarzer einst recht war, müßte Kachelmann jetzt billig sein. Eigentlich. Aber das sieht man als Betroffene wohl anders...
Jedenfalls ist das, was nach Austarieren von Persönlichkeitsrechten der nur am Rande betroffenen Schwarzer und Kunst- und Meinungsfreiheit der Autorin Pinl im Buch ›Klatschmohn‹ stehengeblieben ist, aufschlußreich genug, und es hat Schwarzer nicht gefreut, daß Claudia Pinl in Reaktion auf ihren Offenen Brief an die Ministerin Schröder von Lydia Harder interviewt worden ist. Am 21.11.2010 erscheint Harders Artikel in der Fas: »Alice und der wunde Punkt. Alice Schwarzer verhöhnte die junge Familienministerin als „hoffnungslosen Fall“ und „schlicht ungeeignet“, sie reproduziere Stammtisch-Parolen aus den Siebzigern. Dabei hat Kristina Schröder ganz einfach ihren wunden Punkt getroffen. Und darum wurde Alice Schwarzer persönlich.«
 305
Der Artikel läßt die alten Zeiten, die Alice Schwarzer jetzt gern vergessen würde, wieder lebendig werden. Da steigt Lydia Harder tief ins Emma-Archiv und »stößt schon in der dritten Ausgabe aus dem Jahr 1977 auf ein Editorial Schwarzers mit der Überschrift "Penetration". Ein Wort, das sie als Synonym für den Geschlechtsverkehr einführte. "Der Koitus verdammt die Frau zur Passivität und ist so für Männer die unkomplizierteste und bequemste Sexualpraktik. Beine breit machen genügt." Schwarzer weiß: "Die psychologische Bedeutung dieses in sich gewaltsamen Aktes des Eindringens ist für Männer (und Frauen) sicherlich von Bedeutung. Bumsen – wie es so traurig treffend heißt – als höchste Demonstration männlicher Herrschaft und weiblicher Unterordnung." [...] Claudia Pinl, eine "Emma"-Frau der ersten Stunde, mit kurzen Haaren, roter Brille und regenbogenbuntem Schal, erzählt in einer Kölner Bar bei einem "Jever Fun" davon, wie die Frauenbewegung zur Lesbenbewegung wurde. "Man unterschied zwischen Urlesben und Bewegungslesben." Letztere hatten sich erst durch sexuelle Befreiung auf die andere Seite geschlagen, forderten dafür aber umso hartnäckiger Lesbianismus als letzte Konsequenz des radikalen Feminismus.«
 307
Der zaghafte Entlastungsangriff von Jens Jessen vom 11.11.2010 in der Zeit ist damit wirkungslos verpufft:
»In einem Interview mit dem Spiegel hat die Ministerin suggeriert, Alice Schwarzer habe in ihren Büchern die These vertreten, »dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau«. Das wäre in der Tat eine These, die landläufiger Empirie nur schwer zugänglich ist. Man kann es Alice Schwarzer nicht verdenken, dass sie sich in einem offenen Brief gegen die geistige Urheberschaft an solchem Unfug verwahrt. [...] Der einzige Ausweg aus dem erotischen Unterdrückungsverhältnis, der Frauen dann noch bliebe, wäre die lesbische Liebe.«
 310
Doch, doch, es stimmt: solchem »Unfug« hat sie tatsächlich das Wort geredet. Andere haben sich die Alte Bibel von 1975 noch einmal gründlich vorgenommen: Andrea Roedig analysiert sie am 26.12.2010 im Freitag so:

»Was tut Schwarzer da? Sie stellt Nähe her, eine absolute und intime Solidarität „unter Frauen“, um später ihren empörten, detaillierten Elendsbericht zu verfassen: Frauen sind sexuell ausgebeutet, Penetration ist Gewalt und tötet die weibliche Lust, der vaginale Orgasmus ist ein Mythos zur Sicherung patriarchaler Vorherrschaft. Ja, so ist es, „Renate ist seit drei Jahren total frigide und fühlt sich leer und tot.“ – „Sexuell hat sie noch nie etwas bei einem Mann empfunden, der Geschlechtsverkehr ist für sie eine Qual.“ Beim ersten Beischlaf tut keine Frau es mit Lust, „alle tun es aus Angst.“ [...]
 314
In empörter Abwehr steckt immer auch eine verborgene Lust. Wo der Lustgewinn einer lesbisch fühlenden Frau liegt, die nachweist, dass Männer ihre Gattinnen sexuell nicht befriedigen können, ist offensichtlich. Schwarzer ruft die Männer „Zipfelträger“ und erfüllt sich in ihrem Engagement einen ur-lesbischen Wunsch: Das „Sexmonopol“ der Männer brechen, Frauen retten. Denn es ist ja die Scham und die Wut und die Enttäuschung einer jeden Frauenliebenden, dass heterosexuelle Damen selbst die ungewaschensten Männer noch vorziehen, und so wettert Schwarzer, der vaginale Orgasmus sei „eine physiologische Absurdität, denn die Vagina hat so viele Nerven wie der Dickdarm, das heißt: fast keine. Ihr Hauptteil kann ohne Betäubung operiert werden“. Da gehen die Kastrationsphantasien dann gleich aufs eigene Geschlecht über.
 316
Nie hat Schwarzer dementiert, dass sie homosexuell sei, nie hat sie darüber geredet. Sie spricht immer nur über die Sexualität der anderen.«

Die alten Fronten stehen plötzlich in aller Schroffheit wieder auf. Ur-Motive werden sichtbar.
 320
Davon will Schwarzer allerdings nichts mehr wissen im nahezu zeitgleichen Stern-Interview vom 25.11.2010:
»Warum müssen Sie wütend über eine junge Ministerin herfallen, nur weil die sagt, dass sich Frauen nicht gleich unterwerfen, wenn sie Sex mit einem Mann haben?

Mit dem Alter der Ministerin hat meine Kritik nichts zu tun. Und das mit dem Sex und der Unterwerfung – grotesk, das habe ich nie behauptet. Das ist Frau Schröders schwülstige Fantasie über ein zentrales Thema des Feminismus der 70er Jahre.« (ebd., S. 158)
 325
Es ist ja normal, daß in der Rückschau Ecken und Kanten jugendlicher Unbedingtheit ins Glättend-Harmonische abgeschliffen werden, während die Gewaltmetaphorik, mit der früher der Sexualakt zwischen Mann und Frau an sich abgelehnt wurde, inzwischen ›nur noch‹ den Bereich der Pornographie, und zwar jeglicher, besetzt. Dann aber erscheint es ratsam, die Quellen des gemeinnützigen feministischen Archivs aufzusuchen, dessen Untermieterin die Emma-Redaktion ist, und die verblaßte Erinnerung aufzufrischen. ›Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern‹ ist ja eine Haltung, für die einiges spricht. Lernfähigkeit zum Beispiel. Das dumme Geschwätz von gestern zu verleugnen und derjenigen, deren Erinnerungsfähigkeit intakt ist, eine »schwülstige Fantasie« zu bescheinigen, ist dagegen keine Haltung, sondern eine Entgleisung, intellektuell wie moralisch. Entsprechend reagiert Schwarzer am 24.11.2010 auf den Artikel von Lydia Harder in der Fas:
»Die ärgsten Suadas erscheinen auch und gerade in der so genannt „seriösen Presse“ (wie z.B. in FAS und SZ). Journalistische Verantwortung oder gar Ethik scheinen in diesen Blättern Fremdwörter zu sein. Ein jeder und eine jede kann ihren Projektionen, Interpretationen und Diffamationen freien Lauf lassen.«

Das alte Lied: wenn zwei dasselbe machen, ist es noch lange nicht dasselbe. Aber nicht einmal dieser Satz stimmt: »Diffamationen« hat sich allein Alice Schwarzer geleistet.
 330
Zurück zu Schwarzers Bild-Artikel vom 19.11.2010, in dem sie sich nun an einer Begriffserklärung von ›Litigation-PR‹ versucht und auch hier wieder alles durcheinanderbringt:

»Ein relativ neues, aus Amerika kommendes Fach, in dem sich jetzt manche Journalisten und Juristen hervortun. Dabei geht es jedoch nicht nur um den legitimen Schutz eines – zu Recht oder Unrecht – Angeklagten. Sondern auch um die schon fragwürdigere Beeinflussung der Medien in seinem Sinne. Entweder durch juristischen Druck. Oder aber durch gezieltes Informieren bestimmter Journalistinnen und Journalisten – in der Hoffnung, dass diese dann auch im Interesse der Verteidigung berichten.«
 334
Juristischer Druck kann nur ausgeübt werden, wenn Persönlichkeitsrechtsverletzungen vorliegen – mit Litigation-PR hat das nichts zu tun. Diese Rechtsverletzungen werden durch jeden diffamierenden Bericht, völlig unabhängig von einem parallel laufenden strafrechtlichen Verfahren, verursacht. Öffentliche Prozeßführung durch Beeinflussung der Medien: allein das ist Litigation-PR.
 335
»Auch dafür ist so ein Medienanwalt zuständig. Und genau darum bot Ralf Höcker mir noch vor meiner allerersten Stellungnahme im Fall Kachelmann in der Sendung von Anne Will unaufgefordert via E-Mail ein „persönliches Gespräch“ an. Er stehe mir hierfür jederzeit („auch am Wochenende“) gerne zur Verfügung, schrieb mir der Kachelmann-Anwalt am 30. Juli einschmeichelnd. All das geschieht zugunsten des Angeklagten.«
 338
Das kann nicht ihr Ernst sein. Der erfahrene Medienanwalt soll tatsächlich geglaubt haben, er könne eine Alice Schwarzer, über deren Standpunkt von vorneherein kein Zweifel bestehen konnte, umdrehen? Überhaupt: seit wann braucht man Informationen, wenn ein derartig exemplarischer Fall von sexueller Gewalt in einer Beziehung vorliegt? Bei dem all diejenigen Raster einklicken, die früher jeden Geschlechtsakt per se als Unterwerfungsakt determinierten? Der finanzstarke Promi-Mann, die prekär beschäftigte Radio-Moderatorin, SM-Inszenierungen, Untreue, frustrierte Hoffnungen – Informationen stören da nur. Jedenfalls die aus dem falschen Lager. In der Sendung lobte sie Höckers Einsatz noch ausdrücklich und bedauerte nur, daß der Anwalt der Nebenklägerin es demgegenüber leider abgelehnt habe, sie über ein Detail aus der Vernehmung seiner Mandantin zu unterrichten, mit der sie ihre These eines typisch traumatisch bedingten Aufräumens der Wohnung nach einem Gewaltakt untermauern wollte.
 340
»Bleibt nur noch eine Frage: Wer sorgt eigentlich für den Persönlichkeitsschutz eines Opfers?«

Diese Frage wollen wir festhalten. Denn tatsächlich sind ihre Sorgen nicht um »ein«, sondern um das ›Opfer‹, viel weitreichender.

Die Einschläge kommen näher. Am 23.11.2010 berichtet Lukas Heinser im Bildblog. unter der Überschrift: »Schlechte Aussichten für die Schwarzer-Kasse«, daß wegen allzu zögerlicher Löschung von Falschdarstellungen mittlerweile Vertragsstrafen in Höhe von 75.000,- Euro geltend gemacht und wegen Verstoßes gegen zwei rechtskräftige einstweilige Verfügungen des Landgerichts Köln gegen die Emma Frauenverlags GmbH und den Domain-Inhaber ihrer Internetseiten Ordnungsgelder in Höhe von je 5.000,- Euro beantragt worden seien.
 346
Da hat Schwarzer die straf- und ordnungsgeldbewehrte Berechtigung des Löschungsanspruchs schriftlich anerkannt, setzt ihn aber nicht unverzüglich um? Das verstehe, wer kann. Verfaßte ich hier ein klassisches Phantasiestück in Schwarzers Manier, müßten jetzt eigentlich Fragenzeichen-Sätze angefügt werden, die die ganze Bandbreite möglicher Ursachen dieser vorweihnachtlichen Bescherung aufzeigen. Ich fasse mich kurz und schließe mich lieber dem folgenden Kommentar an: »Höcker sagt, Schwarzer handele "nach Gutsdamenart", und glaube offenbar, "dass das deutsche Recht für sie nicht gilt"
 348
Der 29.11.2010 bringt für sie einen weiteren Schock. Jetzt hat sie sich gerade so schön auf den Verteidiger Reinhard Birkenstock eingeschossen, dessen konziliante Verhandlungsführung sie mangels näherer Sachkenntnis doch glatt mit Konfliktverteidigung verwechselt hat –: da betritt ein ganz anderer Gegner die Bühne. Rechtsanwalt Johann Schwenn übernimmt die Verteidigung. Ein Grund für Alice Schwarzer, am 1.12.2010, dem 16. Verhandlungstag, ausnahmsweise mal wieder höchstpersönlich nach Mannheim zu reisen. Dieser Gerichtstag wird ihr Waterloo im Kachelmann-Verfahren.
 350
Sie legt am 2.12.2010, 00:28 Uhr, einen subjektiven Bericht vor, der von Bild distanzierend als ›Kommentar‹ einer doch ziemlich fernstehenden Gastautorin bezeichnet wird:

»Kommentar von Alice Schwarzer:
Mit einem Gericht geht man anders um.
 355
Alice Schwarzer* kommentiert
* Alice Schwarzer ist „Emma“-Herausgeberin«

Zunächst behelligt sie die Leser mit einem Gefühl, sodann mit der Demonstration ihrer fehlenden Rechenkünste:

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass Jörg Kachelmann mit seiner Verurteilung rechnet. Anders lässt sich so ein spektakulärer Wechsel des Anwalts im letzten Drittel des Prozesses nicht erklären.«
 360
Immerhin erlaubt sie den Aufmerksameren in der Leserschaft den Schluß, daß Kachelmann nicht wegen schuldhaften Verhaltens, sondern wegen einer Voreingenommenheit des Gerichts mit einer Verurteilung rechne, denn später heißt es, wenn auch in Anführungszeichen: »Kachelmanns Anwalt scheint auf ein „Fehlurteil“ gefasst zu sein und stellt wohl die Weichen schon mal auf Revision.«
Wie wichtig Schwarzer ihr bloßes »Gefühl« nimmt, verrät der Anschlußsatz: anders, als von ihr gefühlt, läßt sich die Sache mit dem Anwaltswechsel nämlich nicht erklären... »Ach so. Ja dann.« [Zitat Alice Schwarzer]

Ihre Behauptung, daß der Verteidigerwechsel im letzten Drittel des Prozesses stattfinde, dürfte ebenfalls auf einem Gefühl beruhen: bereits mit Pressemitteilung vom 30.9.2010 hatte das Landgericht (über den 1.12.2010 hinaus) sechs weitere Verhandlungstermine bis zum 21.12.2010 bekanntgegeben.
 365
Und schon am 20.11.2010 wußte die wie immer wohlinformierte BURDA-Presse, hier Focus, daß darüberhinaus noch weitere neunzehn Termine im kommenden Jahr bis Ende März 2011 stattfinden werden.

Dem Gericht blieb angesichts dieser fast schon gewohnheitsmäßigen Durchstecherei an die Presse nichts anderes übrig, als die Focus-Meldung am 22.11.2010 zu bestätigen.
 369
Sowas kriegt man auch als Prozeßbeobachterin aus der Ferne mit.
In welchem Stadium befindet sich ein Verfahren am sechzehnten Verhandlungstag, wenn noch – nach dem Stand von November 2010 – mindestens fünfundzwanzig weitere folgen? Ein Verfahren, in dem außer der nicht einmal abgeschlossenen Vernehmung der Belastungszeugin noch keine relevante Beweisaufnahme stattgefunden hat, denn zur Musterung der objektiven Spurenlage (durch die DNA-Experten und Rechtsmediziner) und zur Anhörung der psychologischen/psychiatrischen Sachverständigen ist es ja noch nicht gekommen?
 370
Nun, Alice Schwarzer interessiert sich eben nur oberflächlich für dieses ganze Rechtsgewese, für Beweise, für Gutachtergedöns –: ihre Anteilnahme gilt allein Psychotraumatologen, die bedingungslos auf Seiten vermeintlicher weiblicher Opfer von Sexualstraftaten stehen. Und daher hat Schwenn bei ihr noch schlechtere Karten als Birkenstock, hat er sich doch in seinem am 1.12.2010 in Cicero veröffentlichten Artikel »Die Pest unserer Tage« klar gegen die allüberall Mißbrauch vermutenden Psychotraumatologen und, was sie ihren Lesern verschweigt, auch gegen Alice Schwarzer ausgesprochen, die ebenfalls auf dieser Welle schwimme:
 374
»Der Strafprozess gegen Jörg Kachelmann droht zu entgleisen. Die Staatsanwälte verlassen sich auf „posttraumatische Belastungsstörungen“ des angeblichen Vergewaltigungsopfers, das sich in Widersprüche seiner polizeilichen Aussagen verheddert hat.
 376
Vom mutmaßlichen Opfer zum mutmaßlichen Täter ist der Weg manchmal nicht weit: Beruht der Verdacht eines Sexualdelikts vor allem auf der Aussage des vermeintlichen Opfers, sind außerdem Spuren des angeblichen Delikts nicht vorhanden und gibt es obendrein noch ein plausibles Motiv für eine falsche Verdächtigung oder gar Hinweise auf eine psychische Störung der Aussageperson – dann ist ein Rollentausch für Kenner der einschlägigen Materie keine Überraschung.
 378
Wer mit der Zeit geht, hält den sexuellen Missbrauch für die Pest unserer Tage. Da mögen die fallenden Zahlen der Kriminalstatistik sagen, was sie wollen: Gegen den Glauben an den Missbrauch scheint kein Kraut gewachsen. Dass dieser Glaube inzwischen auch jene erfasst hat, die es von Amts wegen besser wissen sollten, ist im Verfahren gegen Jörg Kachelmann zu besichtigen. Dort kämpft die Staatsanwaltschaft für die Verurteilung des Angeklagten Seite an Seite mit Alice Schwarzer, die sich zuvor mit der Bild-Zeitung verbündet hatte.«
 380
So hat sie also persönliche Gründe, dem neuen Verteidiger einen einzuschenken, und prompt wird sie auch sehr persönlich:
»Schon der anscheinend gefeuerte Ex-Verteidiger Birkenstock hatte nicht gerade mit dem Florett gefochten. Der Neue, in Kollegenkreisen als „Krawall-Anwalt“ berüchtigt, schwang noch vor Antritt die Keule. Doch dann, auf der Verteidigerbank, gab der Hamburger gestern den Snob: Der 63-Jährige, der in seiner soignierten Gesetztheit und mit seinem weißen Haar älter wirkt, schlug gleich am ersten Verhandlungstag gegenüber den überwiegend jüngeren Staatsanwälten und Richtern einen näselnd-belehrenden Ton an.
Bei diesem Stil, oszillierend zwischen grob-ausfallend und arrogant-einschüchternd, muss der Heidelberger Traumatologe Prof. Günter Seidler sich morgen warm anziehen.«
Für den Fall, daß das mutmaßliche Opfer ein echtes sei, hegt sie zu dem Stil des neuen Verteidigers eine glasklare Meinung: »ja, dann käme so eine Verteidigung wie die von Kachelmann einer zweiten Vergewaltigung gleich.«
 385
Bild hat ihren Kommentar allerdings umfassend neutralisiert, indem schon am 30.11. Lobeshymnen über Johann Schwenn gesungen wurden, was in zwei aktuellen Prozeßtagberichten vom 1.12. (um 9:09 Uhr und um 12:42 Uhr) fortgesetzt wird:

»Er ließ eine Zeugenvernehmung unterbrechen und kritisierte dann die Fragetechnik der Richter.
Schwenn: „Bei einigen Zeuginnen ist der Beitrag zur Wahrheitsfindung problematisch. Was bisher geschehen ist, ist bis auf die schriftlich vorliegende Vernehmung der Nebenklägerin irrelevant.“
 390
Anlass war die Befragung einer Freundin Kachelmanns, die am Mittwoch in nicht-öffentlicher Sitzung vernommen wurde. Die 40-Jährige hatte offenbar ausgesagt, sie habe stets einvernehmlichen Sex mit Kachelmann gehabt.
Der beisitzende Richter befragte die Zeugin dann, ob sie bestimmte sexuelle Handlungen tun „musste“ oder „sollte“. Schwenn sah das als Suggestivfrage und beantragte die Unterbrechung der Zeugenvernehmung.
In einem kurzen öffentlichen Teil der Verhandlung kritisierte er auch die Beisitzerin, dass sie von der Zeugin Konkreteres hören wollte. Die Aussage der Einvernehmlichkeit sei jedoch konkret, so Schwenn.
Schwenn weiter: Wenn Sie, sehr geehrte Frau Berichterstatterin, mit sichtbaren Zeichen der Verärgerung darauf reagieren, dass die Zeugin ihr Privatleben schützen will und Sie sagen, dass Sie es jetzt endlich konkreter wollen, haben Sie eine falsche Auffassung der Beweiskraft ihrer Aussage. Ich werde jede weitere nicht offene Frage beanstanden.
Der neue Verteidiger des TV-Moderators legt sofort los! Er kämpft!
Der Richter meldet sich zu Wort: „Wir sind ja mit der Vernehmung der Zeugin noch nicht fertig.“ Schwenn dazu: „Mir würde es genügen, wenn Sie im Augen haben, dass eine Frage auch missraten kann. Das darf aber nicht zur Methode werden.“
Und plötzlich stimmt Staatsanwalt Oltrogge zu, dass eine Frage nicht glücklich gestellt worden sei. Rumms, volle Attacke gegen Staatsanwalt und Richter!«
 398
Daß Alice Schwarzer entgangen ist, wie sehr sich Schwenn für eine nicht voyeuristische, zurückhaltende Art der Vernehmung einer Frau über ihr Sexualleben ins Zeug legt! Hätte sie diesen Einsatz gegen ein übereifriges Gericht nicht als schlechterdings vorbildlich loben müssen? Hat sie vergessen, daß sie die Opferperspektive einnehmen wollte?
 400
Es scheint allerdings richtige und falsche Opfer zu geben. Objektiv mag diese Zeugin im Schwarzerschen Weltbild zwar ein Kachelmann-Opfer sein. Deren subjektiver Einsicht muß aber ersichtlich noch nachgeholfen werden. Einvernehmlichkeit zwischen Mann und Frau kann es angesichts des typischen Gewaltverhältnisses schließlich nicht geben. Das sieht das Gericht schon richtig, Frauen ›müssen‹ und ›sollen‹ im Bett, ein ›Wollen‹ kennen sie nicht und Verhandlungen auf Augenhöhe finden eh nicht statt. Mag die Dame doch gegrillt werden, dann wird sich schon noch etwas herausstellen, das dem Angeklagten irgendwie schadet...
 402
Bild geht bei der Distanzierung zur Gast-Kommentatorin auf Nummer sicher: selbst nach Schwarzers Erst-Kommentar zum neuen Verteidiger Schwenn wird am 2.12.2010, 17:00 Uhr, noch eine lobende Nachbetrachtung zu seinem ersten Auftreten geliefert.

»Angeblich soll die Aussage der Ex-Freundin zum Verlauf der mutmaßlichen Vergewaltigung lückenhaft sein. Der Therapeut erklärt die Lücken mit der Traumatisierung der Frau durch die Vergewaltigung. Genau hier wird Schwenn wohl einhaken – Vergewaltigungs-Prozesse sind ein Spezialgebiet des neuen Strafverteidigers.
 406
Den vermeintlichen Opfern werde unkritisch geglaubt, gegenüber den Tätern gebe es „eine faktische Beseitigung der Unschuldsvermutung“, schreibt er im neuesten Heft des „Strafverteidiger“.
Schwenn: „Bei keinem anderen Straftatbestand ist die Bereitschaft zum Vorurteil so groß.“ Und weiter: Seien Richter, Staatsanwälte und Polizisten früher oft geneigt gewesen, Vergewaltigungsvorwürfe als erfunden abzutun oder anzunehmen, der Beschuldigte „habe Widerstand für Zustimmung gehalten“, so bedeute heute oft schon der Haftbefehl das Aus für den Verdächtigen.
Gleich bei seinem ersten Auftritt setzt Schwenn ein eindrucksvolles Zeichen. «
Danach wird der zuletzt zitierte Prozeßbericht wiederholt.
 411
Schwarzer muß ein dickes Fell oder zwingende ökonomische Gründe haben, wenn sie trotz dieses antagonistischen Umfelds weiterhin auf Vertragserfüllung besteht. Was kann sie mit einem einzigen schwachen anti-Schwenn-Kommentar gegen vier positive Berichte über denselben Anwalt im eigenen neuen Forum eigentlich noch bewirken?

Am Abend des 2.12. hat sie den Tiefpunkt ihrer öffentlichen Selbstdarstellung erreicht.
Am Prozeßtag, dem 1.12.2010, gibt sie wie üblich Interviews, die immer nach dem gebetsmühlenhaft wiederholten Schema F verlaufen: zwar gilt die Unschuldsvermutung, das mutmaßliche Opfer ist aber ebenfalls ernstzunehmen, ich bin sowieso die einzige, die objektiv berichtet, und nach dieser Vorrede kommt immer etwas Negatives über den Angeklagten: er ist gestört, er ist behandlungsbedürftig, er schweigt immer noch, sein Verteidiger spielt Spielchen, der Verteidiger wurde ausgewechselt, weil der Angeklagte eine Verurteilung befürchten muß... Doch dieses Mal trifft sie auf ein wohlpräpariertes Fernseh-Team von Panorama, das etwas anderes von ihr will als ihr Standard-Statement. So gern Schwarzer im Mittelpunkt steht und so sehr sie mediale Beachtung genießt: als Gegenstand einer kritischen Reportage über ihr Wirken verdrückt sie sich lieber in die Peripherie. So wird der Panorama-Beitrag vom 2.12.2010 angekündigt:
 416
»Alice Schwarzer im Kachelmann-Prozess: Journalistin oder PR-Frau?

Als Gerichtsreporterin für die Bildzeitung schreibt sie über den Kachelmannprozess: Alice Schwarzer. Die Frauenrechtlerin und "Emma"-Herausgeberin arbeitet überraschenderweise öfters für die Zeitung mit dem nackten Mädchen auf Seite 1. Skrupel habe sie dabei keine, sagt sie Panorama, denn sie schätze schlicht das Massenpublikum der "Bild".
 420
Dort berichte sie objektiv über den Prozess, erklärt Schwarzer. Sie nehme eben auch das mutmaßliche Opfer ernst und nicht nur Jörg Kachelmann. Aber was heißt hier "objektiv"? Gleichzeitig arbeitet Alice Schwarzer an einem Buch mit dem Titel "Der Fall Kachelmann". Und was bislang nicht bekannt war: Die Frauenrechtlerin pflegte per E-Mail Kontakt mit dem vermeintlichen Vergewaltigungsopfer.
Darin soll Schwarzer der 37-jährigen aus Schwetzingen konkrete Anwaltstipps gegeben haben. Außerdem solle das vermeintliche Opfer das Buchmanuskript vor der Veröffentlichung gegenlesen. Das allerdings bestreitet Schwarzer im Interview mit uns. Eine Gerichtsreporterin auf Abwegen – heute in Panorama
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Diese Reportage bietet fürwahr ein Schauspiel der besonderen Art. Wie rasch die Selbstgewißheit bröckelt, wie wenig Medien-Routiniertheit zu Haltung verhilft –: das ist eindrucksvoll zu besichtigen, als ihr unvermutet die Frage vorgelegt wird, ob sie im Rahmen ihres E-Mail-Verkehrs mit dem mutmaßlichen Opfer diesem angeboten habe, ihr gesamtes Buchmanuskript gegenzulesen... Zunächst betont sie noch in all der ihr zu Gebote stehenden Souveränität: »Die drei bis vier Mails sind, was journalistische Objektivität angeht, vom Korrektesten.« Dem Zuschauer werden derweil Schnipsel aus ihren Mails an die Nebenklägerin »Liebe C..... D.....« – einmal ist das Datum 14.9.2010 zu erkennen – dargeboten: »Sie besuchen mich in Köln nach dem Urteil. Denn in meinem Buch werde ich Sie zitieren«. Und: die Zeugin solle das ganze »Buch vor Erscheinen lesen.« Und: »so oder so, es ist mir wichtig, daß Sie vor der Veröffentlichung das Manuskript lesen.«
 425
»Nein. Nein.«, streitet Schwarzer das ihr unterstellte Angebot an die Nebenklägerin mit einem verlegenen Lachen ab. Auf insistierende Nachfrage beteuert sie: »Ich hab's nicht angeboten, worüber wollen Sie mit mir reden? Wollen Sie mit mir über Tatsachen reden? Oder worüber? Ich hab's nicht angeboten!« Insgesamt vier Mal streitet sie das Angebot ab und verweist auf den E-Mail-Verkehr, der bei Gericht liege, wo man es nachlesen könne. Noch ist sie nicht sicher, ob der Reporter die Mails kennt oder ob er nur auf den Busch klopft. Da kann man es ja mal mit einem Dementi versuchen...
Die nächste Frage macht dann klar, daß ihr Interviewpartner die Mails gelesen hat; denn sie lautet, ob sie der Nebenklägerin einen Anwalt empfohlen habe.
»Worüber wollen Sie jetzt mit mir reden? Ich verstehe das nicht ganz.«
Die Frage wird ausführlich wiederholt, ob sie eventuell einen Anwalt namentlich einschließlich Telefonnummer empfohlen habe, wobei der Zuschauer die entsprechende Mail-Passage schon kennt: »Sie brauchen dringend noch einen Medienanwalt, der eine knallharte Medienstrategie für Sie entwirft. Das könnte Herr S........ sein, Telefon 0................«. Fast könnte man Mitleid bekommen mit einer in die Enge getriebenen Alice Schwarzer, die diese Frage nicht beantworten will und nur noch stammelt: »Ich möchte da nicht weiter mit Ihnen reden. Ich finde das völlig irrelevant.« Der Interviewer bleibt stur: »Haben Sie die Tips gegeben oder nicht?« Schwarzer greift zur Handtasche und verläßt fluchtartig, »Kein Kommentar!« rufend, das Lokal.
 430
Was ist geschehen?

Nichts, was nicht schon längst ersichtlich war. Schwarzer ist nicht objektiv, eine geradezu irrwitzige Selbsteinschätzung, die schon durch ihre einseitige Übernahme der ›Opfersicht‹ widerlegt wird, die die Unschuldsvermutung zugunsten des Angeklagten denknotwendig außer Kraft setzt. Sie steht darüberhinaus ganz konkret im Lager der Nebenklage, das den Therapeuten Seidler, den sie um Mitarbeit an ihrem Buch gebeten hat, einschließt. Warum sollte sie sonst befürchten, daß er eine Vernehmung durch den kenntnisreichen und aggressiven Anwalt Schwenn nur angeschlagen überstehen werde? Sie hat die Nebenklägerin nicht nur um Autorisierung von Zitaten, die sie den Akten entnehmen wird (es kann letztlich offenbleiben, ob sie von Bild oder von der Nebenklage mit Material versorgt wird), gebeten, sondern darum, das gesamte Buch gegenzulesen: sie will also nicht den ›Fall Kachelmann‹ erörtern, sondern auf dessen Kosten eine subjektive Darstellung nur eines Partners einer Beziehung promoten – und zwar so, wie es in ihr lebenslanges, von ihr selbst niemals erfahrenes, Zerrbild der per se gewalttätigen Unterwerfungsbeziehung Mann-Frau paßt.
 435
Die Nebenklägerin als Person ist ihr vollkommen gleichgültig. Sie benötigt deren Placet für das Gesamtwerk nur, um mittels Danksagung eine Legitimation vorweisen zu können, die ihr Vorhaben erdet: Schwarzer geht es, wie oft genug bekundet, um das Exemplarische eines Falles von sexueller Gewalt in der Beziehung.
 437
Sie befindet sich seit längerer Zeit in Erklärungsnot: Sexualität in einer heterosexuellen Beziehung als Gewaltakt des Mannes zu verkaufen, wie sie es noch in den Siebzigern tat, erntet ja in der Zeit nach der sexuellen Revolution, Stichworte: Befreiung der Frau durch die Pille, Zerrüttungsprinzip im Ehescheidungsrecht, nur noch Stirnrunzeln oder Gelächter; sie selbst fällt nicht grundlos einem Gedächtnisverlust anheim, wenn man sie an diese frühe, tief im Innern nie aufgegebene, Position erinnert. Später war die Pornographie als solche ihr Ausweichfeld, um weiterhin die allgegenwärtige Unterwerfung von Frauen unter ›sexualisierte Gewalt‹ – was soll dieser Begriff eigentlich bezeichnen? – von Männern behaupten zu können.
Ihre aktuelle »Position« zum Thema Sexualität läßt diese rein rhetorische Verschiebung unschwer erkennen – man achte auf das kleine Wörtchen »erneut«:
 440
»3. Für mich ist Sexualität etwas sehr Privates und ganz Politisches zugleich.
Unser Begehren ist kulturell geprägt und nicht biologisch determiniert. Selbstverständlich spiegeln sich im Begehren die bestehenden Machtverhältnisse. Darum bin ich gegen Pornografie, die sexuelle Lust erneut verknüpft mit Lust an Erniedrigung und Gewalt.«
 443
Nachdem diese allzu puritanisch anmutende Kampagne, auch und gerade wegen feministischen Widerspruchs, wirkungslos verpufft ist, müssen angeblich massenhafte Vergewaltigungen von Frauen in Beziehungen herhalten, um die eigene Ablehnung von ›Penetration‹ gesamtgesellschaftlich wirkungsvoll in die Debatte einzubringen.

Da kommt ihr dieser kommerziell ergiebige Fall gerade recht. Er wird gnadenlos instrumentalisiert, wie ihr Bild-Kommentar vom 17.9.2010 beweist: »Kachelmann-Prozess: Warum Millionen Frauen betroffen sind«, titelt sie da, denn: »der Fall Kachelmann ist längst zum Auslöser für die öffentliche Debatte über sexuelle Gewalt innerhalb von Beziehungen eskaliert.« – die allein sie ausgerufen hat, denn die real existierende öffentliche Debatte kreist um die Fragen, ob sich die angeklagte Tat ereignet hat oder nicht, ob angesichts des Eingreifens der Medien in einen Justizfall ›Rechtsstaat‹ überhaupt noch eine Chance hat und ob Staatsanwaltschaft und Landgericht Mannheim unvoreingenommen agieren, nachdem das Oberlandesgericht Karlsruhe, von deren Kurs abweichend, vor der Hauptverhandlung eindrucksvoll auf die unzulängliche Beweislage hingewiesen hat.
 447
Wie sich Schwarzer die Millionen betroffener Frauen hoch- und zusammenrechnet, ist ein Kunst-Stück für sich: »Aufgrund von Erhebungen geht man heute in Deutschland von mindestens 90 000 Vergewaltigungen im Jahr aus. Jede zweite Vergewaltigung passiert zu Hause, wie angeblich auch im Fall Kachelmann. Der Täter ist der eigene Mann oder Freund bzw. Ex-Mann.
Doch nur acht Prozent aller Vergewaltigungen werden überhaupt angezeigt. Und nur bei jeder siebten Anzeige steht am Ende die Verurteilung des Täters.«
 450
Diese »Erhebungen« sprich Dunkelfeld-Forschungen und ihre Methodik würde man gern näher unter die Lupe nehmen – es nimmt nicht Wunder, daß, wie bei Schwarzer üblich, keine Quellen genannt werden. Mehr als feministisch inspirierte Kaffeesatzleserei, im Wissenschaftsjargon als ›Interpolation‹ bezeichnet, wird der von ihr genannten Zahl nicht zugrundeliegen. Solche Fallzahlen werden erfahrungsgemäß nur dann erreicht, wenn sich die Fragestellung möglichst weit von dem einschlägigen juristischen Tatbestand entfernt und selbst verbale Belästigungen, vage ›Übergriffigkeiten‹ und ›ungewollte‹ Sexualkontakte umfaßt. Wahr ist lediglich, daß die Verurteilungsquote hinsichtlich der in Deutschland pro Jahr rund 8.000 angezeigten Fälle in den letzten Jahren zwischen 11 und 13% (eine Dunkelzifferstudie zur Fehlurteilsquote existiert noch nicht) beträgt.
 452
Den kühnen Schluß, den Schwarzer zieht: »Was bedeutet: Nur jeder hundertste Vergewaltiger muss auch dafür büßen. Vergewaltigung ist also ein quasi strafloses Verbrechen.« rechtfertigen diese Zahlen keineswegs. Für sie steckt nun mal hinter jeder hypothetischer Dunkelziffer und hinter jeder angezeigten Tat ein reales Verbrechen – man merkt die Absicht und ist verstimmt. Was man bei Unterstellung von intellektueller Redlichkeit der Autorin dann allerdings gar nicht mehr nachvollziehen kann: wie um alles in der Welt kommt sie bei 45.000 von ihr angenommenen Beziehungstaten pro Jahr auf Millionen vom ›Fall Kachelmann‹, wenn er denn kein angeblicher bliebe, betroffener Frauen? Für die ein »Freispruch „Im Zweifel für den Angeklagten“« »eine Katastrophe« wäre: denn sie, »die endlich angefangen haben zu reden, würden wieder verstummen.«
 454
Nach Schwarzers Berechnung bildet die Mindestanzahl von zwei der von ihr unbezifferten »Millionen Frauen« eine Opferpopulation, die erst nach 44,44 Jahren statistisch konstanter Straftatbegehung zustandekäme. Und auch die nur, wenn jede Frau nur ein Mal betroffen und keine zwischenzeitlich verstorben wäre. Zahlen sind für sie, wie auch Gerechtigkeit, offenbar gefühlte Größen. Der Bereich der Interpolation ist damit weit überschritten. Wir bewegen uns vielmehr im weiten Feld der propagandistischen Manipulation. Bild-Sprech, das ist alles. Millionen Betroffene für Millionen von LeserInnen, die es allerdings besser wissen. Frauen, die immer beste Freundinnen haben, wissen, wo der Schuh wirklich drückt, geht es um das ewige Thema ›Mann‹. Margarete Mitscherlich brachte es im Jahr 2007 im Interview mit Guido Mingels auf den Punkt:

»Inzwischen beschweren sich die Frauen, es gebe keine echten Kerle mehr.
 458
Moment, aber das betrifft nur den Sex. Keine Frau beklagt sich über Männer, die zuhören können, offen für die Gefühle anderer sind, sich an der Hausarbeit beteiligen, sich um die Kinder kümmern. Was aber die Sexualität anbelangt, haben es Frauen nie gut vertragen, wenn Männer so einfühlsam mit ihnen umgehen, dass sie die eigene Triebhaftigkeit überhaupt nicht mehr zulassen.
 460
Im Buch sagen Sie, es sei «durchaus angenehm, wenn der Mann gelegentlich mal über einen herfällt». Klingt nicht nach einem Satz einer grossen Feministin.

Aber ich habe auch gesagt, dass das mit einem gewissen Humor gepaart sein muss. Es muss eine stille Übereinkunft bestehen zwischen den Partnern, dass diese Art der Überwältigung erwünscht ist. Wenn das gelingt, kann das für eine Frau äusserst angenehm sein, dieses Gefühl, der begehrt mich – total! Nichts Schlimmeres als Männer, die die Frau dauernd fragen «Möchtest du es so? Oder doch lieber so?»

Sie sprechen von zwei verschiedenen männlichen Identitäten, einer sozialen und einer sexuellen. Im Alltag ein Softie, im Bett aber ein Neandertaler?
 466
Sie karikieren das jetzt. Ich habe nur gesagt, dass ein Mann nicht vergessen darf, beim Sex auch seine eigenen Wünsche durchzusetzen. Er muss deshalb nicht gleich zum Vergewaltiger werden. Aber der Mensch ist ein Triebwesen und bleibt das selbst in der Ehe, wo man sich sehr aneinander gewöhnt. Aber irgendwie muss auch in der Ehe so etwas wie eine vitale biologische Kraft bestehen bleiben. Sonst wird das nix. Ein Essen ohne Hunger ist auch nix.«

Die Therapeutin weiß einfach besser, wo der Schuh drückt. Lustlosigkeit in der Beziehung dürfte das wahre tabuisierte Sex-Thema Nr. 1 sein. Schwarzers Chimären haben mit der Lebensrealität nicht nur von Bild-Leserinnen schlicht nichts zu tun.
 471
Alice Schwarzer muß die Anzeigenerstatterin daher ganz unbedingt auf ihre Seite ziehen. Ohne wenigstens eine konkret betroffene Frau mit »knallharter Medienstrategie« bliebe das geplante Buch ein Glasperlenspiel mit ihrer vierzig Jahre alten Botschaft: Männer sind potentielle Vergewaltiger. Und natürlich hat sie ein vitales Eigeninteresse am Prozeßausgang: mehr als ein Freispruch ›in dubio pro reo‹ darf nicht herauskommen, ansonsten ist das Buchprojekt gestorben. Das nämlich wäre ihre Katastrophe: wenn dem Angeklagten der Unschuldsbeweis gelänge und die Anzeigenerstatterin als Falschbeschuldigerin dastünde... Sie durfte Hoffnung schöpfen, nachdem die Staatsanwaltschaft mit ihrem erfolgreichen Befangenheitsantrag gegen die Koryphäe der Rechtsmedizin, Prof. Dr. Bernd Brinkmann, einen Etappensieg feiern konnte: denn ein Nachweis von Selbstverletzungen der Anzeigenerstatterin, schon ein Jahr vor der angeblichen Tat erprobt, hätte ihrer Minimal-Hoffnung auf einen Freispruch mangels Tatnachweis den Garaus gemacht. Die Spekulation mit einem für das Buchprojekt unschädlichen Urteil kann also vorerst aufrechterhalten werden.
 473
Das gilt auch für den Verlag, der schon im September 2010 das profitträchtige Projekt öffentlich macht, einen Erscheinungstermin im Februar 2011 ankündigt, der aber nicht zu halten ist, und nun also die herbstliche Buchmesse in Frankfurt a. M. anpeilen muß. Zur Zeit (Januar 2011) wird als voraussichtlicher Erscheinungstermin Mai 2011 angegeben.

Auch der wird nicht zu halten sein, denn mit einem Urteil am 31.3.2011 ist nach neuestem Stand nicht mehr zu rechnen.

In der aktuellen Frühjahrsvorschau wird der Titel auf S. 45 wie folgt beworben:

»Warum der Fall Kachelmann uns alle aufregt
 480
Jörg Kachelmann ist der »schweren Vergewaltigung« mit Todesdrohung angeklagt. Bei Redaktionsschluss dieses Kataloges stand noch Aussage gegen Aussage. Wird es ein Freispruch? Eine Verurteilung? Oder gar ein Freispruch mangels Beweis?«

Ob man bei KiWi über keinen Juristen verfügt? Freispruch oder Freispruch mangels Beweis als Gegensatzpaar? Es ist zum Kopfschütteln, und gar zum Verzweifeln unklar ist jenes »gar« vor dem Freispruch mangels Beweis, der die überwältigende Mehrheit aller freisprechenden Urteile stellt. Denn so unzulänglich arbeiten die Staatsanwaltschaften ja nun wahrhaftig nicht, als daß sie massenhaft nachweislich Unschuldige anklagten.
 485
Danach folgen Schnipsel aus Schwarzers Bild-Artikeln: »jeder zweite Vergewaltiger ist heute der eigene Mann bzw. Ex-Mann«, »Verbrechen mit den niedrigsten Falschbeschuldigungen – 3 Prozent«, »nur jeder hundertste Vergewaltiger wird heute in Deutschland verurteilt«, »Der Fall Kachelmann ist also exemplarisch« – – – Merkt der Katalogtexter nicht, daß er eine Vorverurteilung betreibt, wenn er behauptet, der ausgesprochen zweifelhafte ›Fall Kachelmann‹ sei »also« exemplarisch für Vergewaltigung in der Beziehung?
Alice Schwarzer, so liest man erstaunt, »erforscht beide Ebenen: Den Prozess und die Wahrheit der Tatnacht – sowie den den medialen und gesellschaftlichen Diskurs rund um den Prozess.«

»Tatnacht« wird, das wundert bei diesem Textumfeld nicht, selbstverständlich ohne Anführungszeichen geschrieben. Alice Schwarzer hat noch nie etwas »erforscht«, sondern immer nur beurteilt. Und worin soll »die Wahrheit der Tatnacht« bestehen, falls gar die Anklagevorwürfe unbewiesen blieben? Schwarzer ist ganz und gar nicht der Typ, der freispricht. Für sie wäre Kachelmann ein exemplarischer Fall aus der Gruppe der 99 von 100 Vergewaltigern, die in Deutschland traditionell nicht verurteilt werden.
 490
Dem Lektorat, dem möglicherweise wenig Zeit bleibt, wäre dennoch ans Herz zu legen, die falschen Zahlen Schwarzers zu überprüfen.

Die absurde Zahl von nur 3% Falschbeschuldigungen hat sie einer methodisch wirren, auf einem unzulänglichen Sample von 100 Akten der Staatsanwaltschaft Stuttgart beruhenden ›Untersuchung‹ (Mai 2009) der Feministinnen Prof. Dr. Liz Kelly & Co. entnommen, die in ihrer Studie »Rape: Still a forgotten issue« von September 2003 den EU-Ländern schon mal empfahlen, zur wünschenswerten Steigerung der Verurteilungsquoten in Vergewaltigungsverfahren dem wie immer guten Beispiel der USA zu folgen und im Ermittlungsverfahren eher nach Beweisen zu suchen, die das Anzeigevorbringen stützen, als nach denen, die es erschüttern
 494
»And most importantly it is possible to approach rape investigations seeking to build/develop evidence. The most obvious attempts internationally in this respect come from North America, where the focus has shifted to a) recognition that the perpetrator is likely to be known and b) seeking evidence that supports a complaint rather than looking at what undermines it (Archambault & Lindsay, 2002; Kelly, 2002; Vasschs, 1994).
That so little investment – financial, intellectual, political – has been made in the field of sexual assault in Europe during the 1990s, underscores our contention that it remains a neglected and, in some senses, forgotten issue.«

Liz Kelly wirkt in der London Metropolitan University, Ladbroke House, Faculty of Applied Social Sciences, und führt den Titel: ›Director of Child Women Abuse Studies Unit (CWASU)‹.
 499
»Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern. Länderbericht Deutschland« lautet der Titel der von Corinna Seith, Joanna Lovett und Liz Kelly im Mai 2009 vorgelegten ›Daphne‹-Studie für die Europäische Kommission.

Juristische Begriffe und Zuständigkeiten, insbesondere die in Deutschland geltenden, sind den Untersuchungsführerinnen eher unbekannt. Die Damen Kelly, Seith und Lovett wissen noch nicht einmal, daß in Deutschland nicht die Polizei oder das Opfer, sondern allein die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren einstellt. (»Verfahrenseinstellungen wurden in der Regel von der Staatsanwaltschaft vorgenommen. In den restlichen Fallen traf das Opfer (11%) und in einem Fall die Polizei die Entscheidung zur Verfahrenseinstellung, dies meist in der Phase des Ermittlungsverfahrens.« (S. 8))
 503
Angeklagte werden mit Beschuldigten verwechselt, bei prozentualen Angaben werden die Bezugsgrößen nicht angegeben, zwischen Text und Tabellen bestehen Widersprüche, und dann hatten sie auch noch das Pech, eine nicht repräsentative Stichprobe zu untersuchen, die mit einer Verurteilungsquote von 23% den bundesdeutschen Durchschnitt von 13% erheblich übertraf.

Auf die 3%-Quote von Falschbeschuldigungen kam das Trio, weil in drei von hundert Fällen von Vergewaltigung (ursprünglich 72, zwei davon wurden im Verlauf des Verfahrens auf sexuelle Nötigung und eine als Körperverletzung herabgestuft, mithin 69) bzw. sexueller Nötigung (28, später 30) bereits während der Ermittlungen wegen eines Sexualdelikts das Verfahren umgedreht und es, offensichtlich wegen der eindeutigen Beweislage, fortan gegen die Anzeigenerstatterin wegen falscher Verdächtigung geführt wurde. Unbeachtet blieb dagegen diese gewonnene Erkenntnis:
 507
»Die meist [!] von der Staatsanwaltschaft verfügte Einstellung des Verfahrens (33 von 40) wurde meist mit dem Mangel an Beweisen begründet. In der Hälfte der Fälle (n=19) wurde in Frage gestellt, ob sich die Tat ereignet hat.« (S. 7)

Aus der Tabelle 2 (S.8) ergeben sich allerdings insgesamt 34 Einstellungen durch die Staatsanwaltschaft, die mit der Kennzeichnung »Mangel an Beweisen« und »Keine Beweise für sexuellen Übergriff« versehen sind. Ob die Autorinnen die in Tabelle 2 nicht aufgeführten, aber aus Tabelle 1 (S. 7) ersichtlichen sechs Nichteröffnungsbeschlüsse des Gerichts berücksichtigt haben, um auf die besagten 40 »Einstellungen des Verfahrens« zu kommen? Man muß es, wie so vieles, erraten. 79% der Verdächtigten konnten identifiziert werden (S. 7), in Tabelle 2 finden sich aber nur 20 statt 21 Einstellungen wegen fehlender Täteridentifizierung. »Gegen weniger als die Hälfte der einvernommen Verdächtigen wurde Anklage erhoben (43 von 74).« (S. 7) Nun ist 43 mehr als die Hälfte von 74, und gemäß Tabelle 1 wurden auch ›nur‹ 34 Anklagen erhoben... Eine chaotischer zusammengestoppelte Studie als diese läßt sich kaum auffinden. Wer immer auch feministisch orientierte Soziologinnen auf juristisches Terrain losließ, kann nicht bei klarem Verstand gewesen sein.
 511
Zudem wurde nicht berichtet, wie sich der Zweifel daran, ob die angezeigte Tat überhaupt stattgefunden hat, juristisch niederschlug: Niederlegung eines Vermerks, daß der Anfangsverdacht sich nicht belegen lassen und daher von der Einleitung eines Verfahrens wegen Falschanschuldigung abgesehen werde? Oder: das Grundverfahren wegen Vergewaltigung/sexuelle Nötigung wurde eingestellt und von Amts wegen ein neues Verfahren wegen falscher Verdächtigung eingeleitet? Gelangte das eingestellte Verfahren eventuell als Beiakte zu einem ohnehin schon durch den Beschuldigten gesondert anhängig gemachten Verfahren wegen falscher Verdächtigung?
 513
Nicht nur dieses ersichtliche 20% -Potential an möglichen Falschbeschuldigungen im Rahmen der vierzig Einstellungen mangels Beweises wurde ausgeblendet; es erfolgte auch keine Tiefenprüfung, aus welchen Gründen elf Anzeigenerstatterinnen im Verlauf des Verfahrens »nicht kooperierten« (und zu welcher Art von Verfahrensbeendigung dieses Verhalten führte) und zwei weitere die Anzeige zurücknahmen. Drei Verfahren wurden wegen mangelnden öffentlichen Interesses eingestellt, was bedeutet, daß eine Vergewaltigung/sexuelle Nötigung nicht vorgelegen haben kann. Sechs der vierunddreißig erhobenen Anklagen wurden wegen fehlender Verurteilungswahrscheinlichkeit vom Gericht nicht zugelassen, ein gerichtlich anhängiges Verfahren endete mit einer Einstellung (ein Verbrechen kann danach ebenfalls kaum vorgelegen haben), in vier von siebenundzwanzig mit Urteil abgeschlossenen Verfahren Fällen erging Freispruch und eines von dreiundzwanzig Urteilen lautete lediglich auf Körperverletzung.
 515
Eine qualitative Untersuchung all dieser Fälle, in denen der Tatvorwurf nicht nachgewiesen werden konnte, unterblieb. Das nachfolgende, ersichtlich ideologisch motivierte, Fazit der Autorinnen ist damit basislos:

»Entgegen der weit verbreiteten Stereotype, wonach die Quote der Falschanschuldigungen bei Vergewaltigung beträchtlich ist, liegt der Anteil bei nur 3%. Auch in anderen Ländern ist das Problem der Falschanschuldigung marginal und rangiert zwischen 1 – 9%. Diese Ergebnisse kontrastieren die bei der Polizei und bei den Justizbehörden weit verbreitete Auffassung, dass Falschanschuldigungen eine großes Problem bei der Strafverfolgung von Vergewaltigung darstellen (vgl. Elsner und Steffen, 2005; Kelly et al, 2005).« (S. 9)
 520
»Falschanschuldigungen sind bei Vergewaltigungen ein Problem, das von Professionellen überinterpretiert wird, wodurch eine Kultur der Skepsis (vgl. „culture of scepticism“ Kelly et al, 2005) genährt und verfestigt wird. Tatsächlich liegt der Anteil bei nur 3% und ist somit als marginal zu bezeichnen.« (S. 10)

Da haben die Autorinnen einiges übersehen, nicht zuletzt, daß ein knappes Drittel der von ihnen herangezogenen Fälle nicht Vergewaltigung, sondern ›nur‹ sexuelle Nötigung zum Gegenstand hatte.
 525
Typisch, daß Alice Schwarzer diese völlig unbrauchbare Studie ideologischer Sisters heranzieht; ebenso typisch allerdings auch, wie selektiv sie sie auswertet: die Mitteilung, daß nur in 5% der Fälle eine Waffe benutzt wurde, regt sie so wenig zum Nachdenken an wie das ununtersuchte Potential von 20% an Falschbeschuldigungen, das sogar die Studie explizit offenlegt. Aber diese Blindheit verbindet sie ja mit den Autorinnen... In einem Punkt dürften letztere allerdings recht haben:

»Das Stuttgarter Sample hat mit 35% den im Ländervergleich höchsten Anteil der Tätergruppe „(Ex-)Partner“. Dieses Ergebnis verweist darauf, dass sich feministische Sensibilisierungsarbeit, die sich in Rechtsreformen wie der Hochstufung von Vergewaltigung in der Ehe zum Verbrechen sowie in der Einführung des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2000 manifestierten, einen gesellschaftlichen, normativen und institutionellen Kontext geschaffen hat, der die Anzeigebereitschaft der Opfer erhöht hat.« (S. 7)
 529
Diese nachvollziebare Erklärung korreliert zwanglos mit den weiteren Erkenntnissen:

»Deutschland ist nicht länger eine europäische Ausnahme: es hat sich dem Mainstream angeschlossen mit steigenden Meldequoten ohne Entsprechung in den Verurteilungsquoten. Seit den 1980er Jahren ist die Verurteilungsquote von durchschnittlich 20% auf 13% ab dem Jahr 2000 gefallen. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in Österreich, aber in Deutschland ist dieser deutlicher ausgeprägt.« (S. 9 f.)
 533
Ob die Lektoren von KiWi ahnen, was da auf sie zukommt? Ihre Hausautorin pflegt ihre Behauptungsbücher ohne Quellennachweis abzuliefern. Diese müßten daher zunächst abgefragt und sodann überprüft werden, soll das Werk auch nur geringsten populärwissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Anfang Dezember ist nach Auskunft von Alice Schwarzer noch immer keine einzige Seite des projektierten Bestsellers, so er nicht gerichtlich inhibiert wird, geschrieben. Und mit einem Recyceln der Bild-Artikel ist es ja nicht getan, ein wenig mehr Niveau wird KiWi schon erwarten. Eine kleine Titel-Erweiterung könnte redaktionellen Feinsinn beschwichtigen: ›Der Fall Kachelmann. Eine Polemik.‹
Andererseits hat sich KiWi ja auch schon mit Recherchefrüchten wie denen über Petra Kellys Vater zufriedengegeben:
»Petras Vater wird von Anfang an in Omis Haus am Hofgartenweg 6 nur wenig gesichtet und verabschiedet sich eines Tages ohne Hinterlassung einer Adresse. Da ist Petra sechs Jahre alt. Später wird sie die Neigung haben, den Vater zu idealisieren (»Er war quasi ein Künstler«), und sie sucht ihn auch einmal, vergeblich. Vermutlich aber war er ganz einfach ein Filou ohne ruhmreiche Vergangenheit und Zukunft. Im zweiten Weltkrieg jedenfalls war Vater Lehmann »Frontberichterstatter«, das heißt, er faßte das Morden und Sterben an der Front in aufmunternde Durchhalteparolen.« (Eine tödliche Liebe, KiWi 2001, S. 94)
 537
Ob ein solch beherzter Zugriff auf komplexes ›Leben‹ auch dann noch möglich ist, wenn die derart zu- und hingerichteten Personen noch nicht tot sind? Ich jedenfalls möchte weder Lektorin noch Rechtsanwältin des Verlags sein, falls das fragliche Buch das Ankündigungsstadium je überschreiten sollte...
 539
Gut aufgestellt dagegen ist schon jetzt die Marketing-Abteilung, die das Buchcover frohgemut mit dem Sticker: »Bereits angeboten« versieht und zu ihren Tools sowohl »Anzeigenschaltungen in überregionalen Printmedien« als auch »Online-Marketing« zählen darf. Marktschreierisch werden die ins Auge springenden Vorzüge des Vorgänger-Buchs (9,95 Euro) in den Vordergrund gerückt: »über 100.000 verkaufte Exemplare von »Die große Verschleierung« in weniger als drei Monaten« und »Sofort nach Erscheinen stieg die »Die große Verschleierung« auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste« – da wird man beim neuen Opus angesichts des überschaubaren Papierverbrauchs (rund 160 Seiten/Vorgängerbuch: 318 Seiten) und des Hardcoverpreises von 14,95 Euro noch höhere Gewinne einplanen können, denn schließlich ist es »vielleicht der spektakulärste Prozess des Jahrzehnts«, der hier ausgeschlachtet werden soll.
 541
Kiepenheuer & Witsch, ein Verlag, der eigentlich einen Ruf zu verlieren hat, stört sich nicht einmal daran, daß sich die Hausautorin zuvor auf Bild-Niveau über den Gegenstand der gemeinsamen Drucksache ausläßt. Im Gegenteil. Was Schlagzeilen macht, wird auch Auflage machen. So ist das gesellschaftliche Umfeld beschaffen, das die längst im Mainstream angekommene Alice Schwarzer ökonomisch wie ideologisch zu nutzen weiß. Befindet sie sich nicht in bester Gesellschaft? Hat nicht sogar der Haftrichter im Fall Kachelmann Abschied von der Unschuldsvermutung in Sexualstraftaten genommen, als er zur Begründung seiner Auffassung vom 24.3.2010, die U-Haft sei erforderlich, vor Gericht aussagte: »"Ich ging davon aus, wenn eine Frau eine solche Beschuldigung macht, dann sind die Angaben auch wahrheitsgemäß"«, wie ihn Gisela Friedrichsen am 11.10.2010 zitiert?
 543
Na bitte. Der Feminismus hat gesiegt.
Zeitgeist und Ökonomie sind also auf Schwarzers Seite. Jetzt muß nur noch das Gericht mitspielen und zum rechten Zeitpunkt ein buchkompatibles Urteil verkünden – was sie selbst dazu beitragen kann, tut sie jedenfalls. Alice Schwarzers Ratschlag einer »knallharten Medienstrategie« für die Nebenklägerin hat womöglich keinen Anklang gefunden. Oder der »knallharte Medienstratege« hat ›low profile‹ während der Prozeßphase empfohlen und allenfalls knallharte Bloggerinnen eingesetzt, die auftragsgemäß Stimmung in den einschlägigen Foren verbreiten. Nun, dann macht Alice Schwarzer die PR eben selbst. Sie ist als Partei tief in dieses Verfahren verstrickt, und nach der Panorama-Sendung weiß es jeder.
 546
Ihre Kameraflucht vom 1.12.2010 mündet in eine Flucht nach vorn; Angriff ist die beste Verteidigung, und so veröffentlicht sie in ihrem Blog am 3.12. einen Text, der unter dem Motto zu stehen scheint: ›War da was?‹

»Der Fall Kachelmann, die Objektivität und die Moral«
 550
ist ihre Stellungnahme überschrieben. »Das ist nicht ohne Komik«, meint sie, daß man jetzt ihre Objektivität in Zweifel ziehe, denn was habe sie denn schon gemacht? Und räumt ein, was sie gegenüber Panorama bestritten bzw. verschwiegen hat: »Ich hatte dem mutmaßlichen Opfer a. einen Anwalt empfohlen und b. angeboten, das von mir geplante Buch nach dem Urteil und vor Veröffentlichung zu lesen.«
 552
Die Frage, wie denn Panorama an den E-Mail-Verkehr zwischen ihr und der Nebenklägerin komme, (»Diese Emails hatte [!] außer mir und die [!] Frau selbst nur das Gericht sowie wohl die Verteidigung von Kachelmann. Das mutmaßliche Opfer war in der Gerichtsverhandlung von Kachelmanns Ex-Verteidiger Birkenstock nach Kontakt mit mir befragt worden und hatte die Emails bereitwillig dem Gericht überlassen«), streift sie nur kurz, wenn auch mit einem falschen Zungenschlag: denn was in den Gerichtsakten ist, befindet sich in den Akten sämtlicher Prozeßbeteiligter, also auch in denen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage und ggf. auch in denen einiger Gutachter. Wer ihr diese Information aus der nichtöffentlichen Vernehmung der Zeugin gesteckt hat, verrät Schwarzer nicht... Ja, sie kommt nicht einmal auf den Gedanken, daß Verfahrensinterna mit Diskretion zu behandeln sein könnten.
 554
Es wäre, insofern hat sie recht, auch ein allzuspäter Zeitpunkt, um Medien- und Selbstkritik zu üben. Die Akten werden spätestens seit dem 23.3. auf dem Marktplatz des öffentlichen Interesses gehandelt; auch Alice Schwarzer hat sich beispielsweise für ihren Bild-Artikel vom 8.10.2010: »Droht Kachelmann ein weiterer Rückschlag?« aus dem offenbar frei flottierenden Aktenfundus bedient, wie sie freimütig einräumt:

»Denn obwohl Birkenstock ansonsten recht großzügig mit Gutachten, die zu Gunsten von Kachelmann zu sein scheinen, umgeht – und deren Ergebnisse auch schon mal auf Flugblättern für die Journalisten im Saal verteilt – hat die Öffentlichkeit bisher kein Wort von der Existenz des Gutachtens des renommierten Gedächtnisforschers Markowitsch gehört. Es verschwand in den Akten.«
 558
Bis Schwarzer es aus dieser untunlichen Versenkung holt und das offensichtlich für keine Seite ergiebige Gutachten (»...weil der Gedächtnisforscher dem Traumatologen bescheinigt, dass es genau so, wie der sagt, gewesen sein könnte. Oder auch anders.«) mit der Autorität ihrer objektiven Grundeinstellung als wahres Menetekel für die Verteidigung wertet. Jenes relativierende »Oder auch anders.« stellt übrigens eine erfreulich klarstellende Zugabe der Bild-Redaktion dar, wie ein Vergleich mit dem auf Schwarzers Blog veröffentlichten unkorrigiertem Bild-Artikel ergibt:
 560
Dort fehlt diese Abschwächung nämlich, deren inhaltliche Richtigkeit sich aus den beiden nachfolgenden Sätzen ergibt. (»Zwar kann die Erinnerung an das Grauen auch wie eingebrannt sein, wie die Verteidigung [recte: der Sachverständige Kröber] behauptet – aber sie kann auch im Gegenteil diffus und wortlos sein, wie der Therapeut der Ex-Freundin darlegt. Beides ist möglich.«) So weit ist es schon gekommen, daß die Bild-Zeitung gegen Manipulationstechniken einer Gastkommentatorin einschreiten muß. Sie hat darüberhinaus einen weiteren Satz in diesem Artikel entschärft:
 562
»So wartete sie elf Jahre lang geduldig auf ihn und fügte sich willig seinen Sexpraktiken.« heißt es in Bild über ›Simone‹, die Realität subjektiv bis zur Unkenntlichkeit verzerrend bereits hier. Auf ihn gewartet? Mit welcher Perspektive? Sich gefügt?

Anderswo, nämlich im Spiegel, liest man anderes:
 566
»Die einzige Abwechslung bei solchen Treffen, so erfuhren die Ermittler, bestand darin, dass erst das Essen, dann die Liebe kam, aber das eher selten. In Chats sprachen beide schon mal von ihrer "Hauptaufgabe". Damit sei Sex gemeint gewesen, erklärte das "Simone" später in einer Vernehmung. Es war deshalb, da lassen ihre Aussagen auch für die Ermittler wenig Zweifel aufkommen, vor allem ein erotisches Verhältnis. Eine Beziehung, in der sich zwei Menschen einig sind, dass beim Verkehr nichts verkehrt sein kann, so lange beide mit allem einverstanden sind. Ein Verhältnis, das sich so seine Spannung erhielt, über elf Jahre. Aber es war kein Zusammenleben.«
 568
Alice Schwarzer beschreibt ihre Sicht auf die Beziehung und nicht die der Nebenklägerin, die vielmehr angegeben hatte: »Anfangs denkt sie noch, sie solle Kachelmann schlagen, er suche eine Domina. Dann stellt sie fest: Umgekehrt ist es, er will sie „züchtigen“. Sie wird später sagen, sie sei ja experimentierfreudig. Und – der Sex sei toll gewesen.« (STERN 31/2010, 29.7.2010, S. 58)
 570
In Schwarzers unredigierter Blog-Version des Artikels lautet der Fallbeil-Satz so:

»So wartete sie elf Jahre lang geduldig auf ihn und fügte sich willig seinen sadistischen Sexneigungen.«

Womit die Autorin dann auch noch unfreiwillig belegt, daß sie den Unterschied zwischen Sadismus einerseits und der Neigung zu abgesprochenen SM-Inszenierungen andererseits nicht kennt. Denn diese Inszenierungen beruhen auf dem absoluten Vertrauen, daß der Partner auf das zum Abbruch führende Code-Wort reagiert, wenn der luststeigernde Schmerz umkippt in nur-noch-Schmerz. Während der Sadist sich an echten Schmerzen und Ängsten des Opfers delektiert, und nicht an gespielter Machtausübung, die in Wahrheit beiderseits Erregung verschafft. Gibt es überhaupt ein Gebiet, auf dem sie sich auskennt?
 576
Schwarzer hat nicht unrecht: die Nebenklägerin sollte durchaus lesen, was Alice Schwarzer über sie schreibt. Sie wird sich nämlich, ganz unabhängig vom Tatvorwurf, keineswegs in dem Opferklischee wiedererkennen, das die Feministin von ihr entwirft, die ihren Geschlechtsgenossinnen originäre Lust und Neugier auf entgrenzende Erfahrungen schlichtweg abspricht.
 578
Schwarzer räumt am 3.12.2010 ein, daß es ein halbes »Dutzend Emails (vom 3. August bis 4. November) zwischen mir und der Radiomoderatorin, die ich noch nie gesprochen, geschweige denn getroffen habe« gebe und offenbart ungefragt, daß es die Nebenklägerin gewesen sei, die diesen E-Mail-Verkehr am 3. August begonnen habe. Wie üblich zitiert sie, dieses Mal hoffentlich mit Genehmigung, aus jener privaten Mail: „Ihr Einsatz und Ihre Worte in der gestrigen Sendung haben mir gut getan.“ – und schon gerät man ins Grübeln: wieso »gestrige« Sendung? Die Anne-Will-Sendung ist doch am 1.8.2010 ausgestrahlt worden...
 580
»Ich antwortete ihr kurz. Und ja, ich empfahl ihr, einen zweiten Anwalt hinzuzuziehen, einen Medienanwalt, weil mir klar war, dass die Medienschlacht um den Prozess von Bedeutung für das Urteil sein könnte. Und dafür ist zwar der mutmaßliche Täter mit seiner Armada von Anwälten bestens gewappnet, steht aber das mutmaßliche Opfer recht allein da.«
 582
Endlich legt Schwarzer in erfreulicher Offenheit ihre Überzeugung dar, daß die Medienschlacht, an der sie maßgeblich beteiligt ist, von Bedeutung für das Urteil sein könnte – und natürlich auch sein sollte. Sie legt sich nicht umsonst so ins Zeug. Daß der Anwalt der Nebenklägerin, Rechtsanwalt Thomas Franz, seinen letzten medialen Einsatz für die Mandantin am 20.5. in der Kerner-Talkshow hatte und sich seit Bekanntwerden des für seine Mandantin ungünstigen Glaubwürdigkeitsgutachtens rar gemacht hat, bedeutet allerdings nicht, daß »das mutmaßliche Opfer recht allein dasteht«. Dieses Szenario weist vielmehr darauf hin, daß der Strategiewechsel, die Nebenklagevertretung auf den Gerichtssaal zu begrenzen, wohlüberlegt ist. Für seine Mandantin wäre es tödlich, in einen Topf mit denjenigen Ex-Geliebten geworfen zu werden, deren Glaubwürdigkeit durch öffentliche Auftritte in Klatschblättern (vor und nach der Zeugenaussage im Gericht) extrem gelitten hat. Doch diese Zurückhaltung gefällt Alice Schwarzer so wenig, daß sie sich mit unerbetenen Ratschlägen in das Anwalt-Mandanten-Verhältnis einmischen muß.
 584
Danach zitiert sie aus ihrer Mail vom 14.9.2010 an die Zeugin:

»Ich werde über den ‚Fall Kachelmann’ (und die ganze gesellschaftliche Debatte darüber) ein Buch schreiben. Dieses Buch wird letztendlich unabhängig von dem Urteil sein. Das heißt, ich recherchiere schon jetzt weit über das Tagesgeschehen und die Tagesberichterstattung hinaus. In diesem Buch spielen Sie zwangsläufig eine zentrale Rolle, und ich werde auch Sie zitieren. Da ich möchte, dass alles, was ich über Sie schreibe, auf jeden Fall stimmt, liegt mir daran, dass Sie dieses Buch vor Erscheinen lesen. Vielleicht können wir ja auch nach dem Urteil miteinander reden, bevor ich das Buch abschließe.«
 588
Einerseits soll das Buch also vom Urteil unabhängig sein, andererseits aber erst nach dem Urteil abgeschlossen werden. Bedeutet: Ganz und gar unabhängig vom Urteil ist das Buch dann doch nicht. Erwiesene Unschuld des Angeklagten darf nicht herauskommen. Festgehalten werden kann: alles, was Schwarzer über die Zeugin schreibt, soll stimmen. Was sie über Kachelmann schreibt, der in dem Buch zwangsläufig ebenfalls eine »zentrale Rolle« spielt, muß es nicht. Dessen sofort nach der Anne-Will-Sendung per E-Mail vom 1.8. ironisch unterbreitetes Gesprächsangebot darüber, „wie sich vier Monate unschuldig im Knast so anfühlen“, hat sie ja brüsk und postwendend bereits am 2.8.2010 abgelehnt:
 590
»Vielleicht geht Ihnen aufgrund Ihrer Sexualpraktiken aber auch alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall Nein sagt, sondern Ernst.

Und übrigens: Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann. Leider.«
 594
Beide Seiten will sie nun mal nicht hören, denn dieser rechtsstaatliche Grundsatz: ›audiatur et altera pars‹ verkompliziert das Weltbild nur.

Erfolg scheint der Vorstoß von Alice Schwarzer nicht gehabt zu haben, sonst hätte sie nicht in einer weiteren Mail, wie von Panorama gezeigt, darauf bestehen müssen: »so oder so, es ist mir wichtig, daß Sie vor der Veröffentlichung das Manuskript lesen.«
 598
Über das Ergebnis ihres bis zum 4.11. geführten Mail-Wechsels klärt sie die Öffentlichkeit jedenfalls nicht auf, faßt aber ihr Vorgehen so zusammen: »Ich will das mutmaßliche Opfer also sie betreffende Passagen in dem geplanten Buch (von dem übrigens noch keine Zeile geschrieben ist) NACH dem Urteil und VOR Veröffentlichung lesen lassen. Ist das nicht eigentlich selbstverständlich? Ich jedenfalls arbeite immer so.«
 600
Klar, ganz harmlos. Wenn da nicht die Verfälschung des Inhalts ihrer eindeutigen Mails wäre; danach sollte die Nebenklägerin »das Buch« bzw. »das Manuskript« in seiner Gesamtheit absegnen, schließlich sollte alles stimmen, auch ihre Sicht auf Jörg Kachelmann. Plötzlich geht es nur noch um »sie betreffende Passagen«. Merkt sie nicht, daß sich diese Aussagen widersprechen?

Nun muß sie nur noch erklären, wie es zu dem jämmerlichen Auftritt vor der Panorama-Kamera kam, als sie das »Selbstverständliche« abstritt und im übrigen die empfohlene »knallharte Medienstrategie«, die sie in ihrem Blogtext selbstverständlich nicht wiederholt, nicht zugeben wollte.

Dazu fällt ihr nicht viel ein; die Widersprüche häufen sich vielmehr:
 606
»Ich hatte den Brief an die Ex-Freundin vor über zwei Monaten geschrieben und wusste, ehrlich gesagt, bei dem Gespräch mit Panorama nicht mehr, ob ich der Frau die Lektüre eines Teils oder des ganzen Manuskriptes angeboten hatte. Ich war auch extrem überrascht, überhaupt von einem Journalisten auf meinen Email-Verkehr mit der Radiomoderatorin angesprochen zu werden. Denn der scheint mir ohne jede Bedeutung und spielte für mich eine so geringe Rolle, dass ich ihn schon vergessen hatte. Es ging mir ja ausschließlich um zu autorisierende Zitate des mutmaßlichen Opfers.«
 608
Vergeßlichkeit also, obwohl ihr das Thema so wichtig war, daß sie es nicht nur in der Mail vom 14.9.2010, sondern auch noch in einer weiteren angesprochen hat. Jetzt legt sie selbst den Beweis vor, wonach die Zeugin tatsächlich das ganze Buch lesen sollte, erklärt dieses Angebot aber zu einer Täuschung, denn das mutmaßliche Opfer sollte nicht einmal korrigieren dürfen, was Schwarzer über sie und ihr Verhältnis zu Jörg Kachelmann schreibt, sondern lediglich zur Autorisierung von ihr in den Mund gelegter Zitate befugt sein. So viele Widersprüche innerhalb eines kurzen Textes geben zu denken.
 610
Gehört auch die Empfehlung eines konkreten Anwalts einschließlich Telefonnummer für eine »knallharte Medienstrategie« zugunsten der Nebenklägerin – denn die könnte Bedeutung für das Urteil haben: Gerichte sind ja derartig leicht beeinflußbar – zur »Selbstverständlichkeit« ihrer Arbeitsweise? Alice Schwarzer schweigt sich über diesen Punkt aus. Sie erklärt weder, warum sie vor der Kamera hierzu – »Das finde ich völlig irrelevant!« – keine Auskunft geben wollte, noch wiederholt sie ihre Empfehlung. Denn hier ist wieder einmal ein wunder Punkt getroffen.

Wie hat sie bzw. Emma sich nicht über Sabine Rückert echauffiert, so im Emma-Online Artikel vom 13.9.2010:
 614
»Wir erinnern: Die Zeit-Reporterin hatte bereits das eigentlich noch unter Verschluss liegende Gutachten der Aussagepsychologin Luise Greuel über das mutmaßliche Kachelmann-Opfer so selektiv zitiert und interpretiert, dass die Gutachterin empört protestierte. Außerdem hatte die Süddeutsche Zeitung öffentlich gemacht, dass die Journalistin dem Kachelmann-Anwalt noch vor Beginn des Prozesses ein „Zusammenkommen“ angeboten hatte, allerdings nur unter der Bedingung, dass Kachelmanns Verteidigung „professionalisiert“ werde.

Rückert disqualifizierte sich mit dieser Parteinahme in der Zeit allerdings offensichtlich keinesfalls für die weitere Kachelmann-Berichterstattung, sondern durfte nun mit ihrer absurden Attacke auf die Traumaforschung noch einmal nachlegen.«
 618
Selbstverständlich hat Luise Greuel nicht empört gegen Sabine Rückert wegen selektiver Interpretation ihres Gutachtens im Dossier in der Zeit vom 24.6.2010 protestiert, so wenig wie gegen die Auswertung ihres Gutachtens im vorangegangenen Spiegel-Artikel vom 7.6.2010, in denen das Ergebnis ihrer Expertise jeweils korrekt zitiert worden war: Kein Beleg für eine Erlebnisbasiertheit der Tatschilderung der Nebenklägerin, Hinweise auf Falschbelastungsmotive und daher auch kein Ausschluß der Hypothese einer Falschaussage, ebenso kein Ausschluß der Hypothese einer Selbstsuggestion (sprich Einbildung). Falls Greuel sich überhaupt öffentlich geäußert haben sollte, was Sachverständige vor einer Hauptverhandlung tunlichst vermeiden, dann allenfalls verärgert darüber, daß ihr vorläufiges Gutachten überhaupt in die Öffentlichkeit gedrungen ist.
 620
Das sich als Ankläger betätigende Magazin Focus lieferte Schwarzer die untaugliche Munition für ihren Rückert-Angriff:

»Tatsächlich wurden einzelne Zitate der Greuel-Expertise zum Entsetzen der Psychologin vor Wochen in die Öffentlichkeit lanciert.« Das ist die in Focus 27/2010, 05.07.2010, S. 41 kolportierte Behauptung, die Grundlage der Desinformation von Schwarzer ist. Daß Focus in derselben, wohl nicht grundlos online nicht verfügbaren, Ausgabe genüßlich dem Bild des Angeklagten ungünstige Details aus einer Hypothesenbildung Greuels zitiert, die, freundlich beurteilt, allenfalls Vorläufigkeitscharakter beanspruchen kann, stört Schwarzer nicht weiter. Sie beutet diese Mini-Information aus und verfremdet sie in einen gezielten Protest der Sachverständigen gegen eine angeblich tendenziöse Zitatauswahl von Sabine Rückert. Wahrheit? Kann es Alice Schwarzer darum überhaupt gehen?
 624
Das eben unterscheidet sie von der Konkurrentin. Hans Leyendecker, im Verfahren Kachelmann staatsanwaltschaftstragend und dem Haftaufhebungsbeschluß des OLG Karlsruhe mit Unverständnis gegenüberstehend, schreibt in der Süddeutschen Zeitung vom 2.8.2010, keineswegs »öffentlich machend«, sondern eine bekanntgewordene Information bewertend:
 626
»Am aggressivsten agierte im Fall Kachelmann die Zeit-Journalistin Sabine Rückert, die ein Dossier über den Fall veröffentlichte. Rückert ist allerdings eine der sachkundigsten Reporterinnen. Nach der Veröffentlichung wurde eine E-Mail bekannt, die Rückert im Mai dem Kachelmann-Verteidiger geschickt hatte: "Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in einem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist", schrieb die Journalistin, die dem Anwalt vorwarf, "auf leisen Sohlen" zu verteidigen.
 628
Ein ungewöhnlicher Vorgang. Rückert sagt, Kachelmanns Verteidiger habe ihr Akten offeriert, was sie angesichts der Umstände abgelehnt habe. Der Anwalt bestreitet ein solches Angebot. [...] Die Reporterin Rückert brachte ihre Geschichte vor der Hauptverhandlung, weil sie den Fall Kachelmann für einen Justizirrtum hält. Sie hat vor Jahren einen solchen Irrtum aufgeklärt und ist Autorin eines Buches zu dem Thema. Sie kann offenbar auswählen, mit wem sie "sinnvollen Informationsaustausch" betreibt und mit wem nicht.«
 630
Alice Schwarzer sekundierte in ihrem Emma-Editorial »Es geht um viel mehr als zwei Menschen« vom 20.9.2010:

»Bereits am 2. August hatte Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung enthüllt, dass Rückert dem Kachelmann-Verteidiger Birkenstock via E-Mail folgendes Angebot gemacht hatte: „Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in einem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der dieser Art Verfahren auch gewachsen ist.“
 634
Wer nun glaubte, für die liberale Zeit sei es eine professionelle Selbstverständlichkeit, eine Berichterstatterin, die noch vor dem Prozess gemeinsame Sache mit dem Verteidiger des Angeklagten macht, von dem Fall zu suspendieren, sah sich getäuscht.«

Da zitiert sie schon die Süddeutschen Zeitung, die sie demnach gelesen haben muß, und verfälscht dennoch den Sachverhalt: Rückert hat keineswegs »gemeinsame Sache mit dem Verteidiger« gemacht, sondern eine Zusammenarbeit mit diesem abgelehnt, weil sie ihn mangels Erfahrung bei Verteidigung in Sexualstraftaten angesichts der verhärteten Mannheimer Fronten für weniger geeignet hielt als den Spezialisten Schwenn...
 638
Genauen Aufschluß über die Sache bietet ohnehin nicht Leyendecker, der in der Süddeutschen Zeitung vom 2.8. also auch nichts »enthüllt«. Er greift vielmehr auf den Kölner Stadtanzeiger aus Alice Schwarzers Heimatstadt zurück. Marianne Quoirin hatte dort bereits am 16.7.2010 geschrieben:
 640
»Aus diesem Medien-Tsunami ragt Sabine Rückerts Beitrag heraus. Unter der Schlagzeile „Schuldig auf Verdacht“ kritisiert sie die Justiz und beklagt gleichzeitig den „Schmusekurs“ Birkenstocks: „Ein Verteidiger, der für den Mandanten nicht zu den Waffen greift, läuft Gefahr, ungewollt die unausgesprochene fatale Botschaft zu vermitteln, der Vorwurf träfe zu.“ Einen solchen Kämpfer (Name der Redaktion bekannt) hatte Sabine Rückert freilich schon am 21. Mai in einer E-Mail Birkenstock ans Herz gelegt und angemerkt: „Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in dem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist. Wenn Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, wen ich in einem solchen Falle wählen würde.“
 642
Birkenstock, der nach seiner Darstellung mit der Journalistin über den Fall telefoniert hatte, nimmt den auch von ihm geschätzten Kollegen nicht mit ins Boot. Aber er lernt aus dem Schreiben, wie sich das Verhältnis zwischen Autorin und ihm hätte gestalten können, wenn er nur auf ihren Vorschlag eingegangen wäre. „Engagieren würde ich mich auch dann nur, wenn ich den Eindruck habe, dass die Verteidigung richtig liegt,“ beteuert sie und gibt ihre Erfahrungen zum besten: „Dies vorausgeschickt interessiert Sie vielleicht, wie die Zusammenarbeit zwischen Verteidigung und Zeit in der ersten der beiden (im Buch beschriebenen) Wiederaufnahmen ausgesehen hat: Am Tage des Erscheinen der Zeit lag den Richtern des Landgerichts Osnabrück der 300 Seiten starke Wiederaufnahme-Antrag Ihres Kollegen . . . vor. Das hat dafür gesorgt, dass sich die Richter des Landgerichts Osnabrück und die Nebenklage gehütet haben, presserechtliche Schritte zu ergreifen.“
 644
Sabine Rückert teilt auf Anfrage mit, dass Birkenstock ihr die Akten angeboten habe, was er aber abstreitet. Sie will nach einigen Telefonaten das Angebot abgelehnt haben. „Als Herr Birkenstock lieber allein weiterwursteln wollte, habe ich keinen Grund gesehen, die Kommunikation fortzusetzen.“ Auf die Frage zur problematischen Zusammenarbeit von Gerichtsreportern mit Anwälten schreibt sie: „Ich suche mir Fälle und Anwälte allerdings sehr genau aus, deshalb kann ich sinnvollen Informationsaustausch mit seriösen Verteidigern mit meinem Gewissen und Arbeitsethos auch gut vereinbaren.“«

Auch diese Darstellung scheint noch nicht die ganze Wahrheit zu sein. Katy Walter schreibt im Medium Magazin 28, 9/2010:
 648
»Rückerts Version der Geschichte klingt anders. Gegenüber „medium magazin“ sagt sie: „Nicht ich habe Herrn Birkenstock eine Zusammenarbeit angeboten, sondern er mir. Er rief mich am frühen Morgen des 25. Mai, sein Mandant war kurz zuvor angeklagt worden, an und bot mir, als Gerichtsreporterin der ,Zeit‘, die Akten zum Fall Kachelmann an. Von einem Angebot meinerseits kann keine Rede sein.“
 650
Und weiter: „Nach einigen Telefonaten mit Herrn Birkenstock hatte sich der Eindruck, den ich aus den Presseberichten bereits gewonnen hatte, verfestigt: Der Fall sah nicht gut aus für Herrn Kachelmann und ich hatte einen mit der Sache ziemlich überforderten Rechtsanwalt vor mir, der die Verteidigung, die er selbst nicht zustande brachte, nun auch über die Medien führen wollte. Genau das habe ich Herrn Birkenstock in einer Mail auch geschrieben. Und ich schrieb ihm, dass ich mich für seinen Fall nur dann interessiere, wenn die Verteidigung mit ihrer Unschuldsbeteuerung richtig liegt. Da ich den Eindruck hatte, dass der Fall ihm über den Kopf gewachsen war, riet ich ihm außerdem, einen weiteren Verteidiger, den er mir gegenüber als seinen alten Freund bezeichnete, mit ins Mandat zu nehmen. Besagter Verteidiger ist Spezialist für Sexualdelikte, er bearbeitet derzeit den siebten Wiederaufnahmefall einer Falschbeschuldigung erfolgreich. Kachelmann konnte von seiner Erfahrung nur profitieren. Allerdings weiß ich nicht, ob dieser Hamburger Spezialist einen derart gegen die Wand gefahrenen Fall überhaupt angenommen hätte. Gefragt habe ich ihn jedenfalls nicht.“
 652
Das Ganze liest sich in Quoirins Veröffentlichungen anders. Für die Berichte der Berufskollegin hat Sabine Rückert nur eine Erklärung: „Birkenstock hat sich über mich geärgert und Frau Quoirin gezielt ins Boot geholt.“ Wie Rückert weiter ausführt, habe sie der Journalistin auf Nachfrage alle Kontakte zu Birkenstock ausführlich beschrieben. Warum Quoirin in ihren Beiträgen dann wesentliche Dinge weggelassen habe, könne sie nur mutmaßen.«
 654
Auch der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo steht hinter seiner Reporterin, wie Ulrike Simon am 12.10.2010 in der Berliner Zeitung schreibt:

»Zwar existiert ein Mailwechsel Rückerts mit dem Kachelmann-Anwalt Reinhard Birkenstock. Darin stellt die Journalistin Bedingungen, unter denen man "zusammenkommen" könne. Eine Kooperation aber bestreitet Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Tatsächlich habe Rückert "das Angebot der Kachelmann-Verteidigung, uns die Akten zu überlassen", abgelehnt.

"Es steht Alice Schwarzer zu, die Zeit immer und an jeder Stelle zu kritisieren", sagt di Lorenzo. "Nur wäre es schön, wenn sie in ihrem infernalischen Furor bei den Fakten bliebe."«
 660
Bei den Fakten bleiben: das kann sie einfach nicht. Für sie macht Rückert gemeinsame Sache mit dem Verteidiger Birkenstock, obwohl sie weiß, daß es zu der Zusammenarbeit nicht kam, weil er ihrer Anwaltsempfehlung nicht gefolgt war.

Da machen also wiederum zwei dasselbe: sie empfehlen einer Partei bzw. dem Verteidiger einer Partei einen schlagkräftigen Anwalt. Und beide bedienen sich aus den Akten, über deren Herkunft sie – Quellenschutz! – selbstverständlich schweigen. Alice Schwarzer müßte sich demnach, legte sie ihre an Rückert angelegten Maßstäbe auch an sich selber an, vom Fall suspendieren lassen.
 664
Das tut sie natürlich nicht. Sie flüchtet vielmehr in die allseits beliebte Opferrolle: so geht sie in ihrem Rechtfertigungsartikel vom 3.12. indirekt zwar auf Sabine Rückert ein: »Die schon seit Juni [recte: Juli] öffentlich bekannten parteiischen Verflechtungen zwischen manchen als seriös geltenden Gerichtsreporterinnen und der Verteidigung im Interesse des Angeklagten könnten, ja müssten durchaus ein Thema sein für einen wahren kritischen Journalismus.«, tut dann aber so, als habe diese Diskussion nicht stattgefunden und verzieht sich in die Schmollecke:

»Aber der beschäftigt sich lieber mit einer Handvoll Emails von mir an eine einsame Frau in Schwetzingen.

Dürfen JournalistInnen sich etwa nur um mutmaßliche Vergewaltiger Sorgen machen – um mutmaßliche Vergewaltigte aber auf keinen Fall?«
 670
Wenn es denn so wäre; inhaltlich handelt es sich nämlich um durchaus verschiedene Unterfangen:

Die eine handelt, um einen drohenden Justizirrtum zu verhindern, der sich angesichts der vorprozessualen Entscheidungen von Staatsanwaltschaft und Landgericht tatsächlich abgezeichnet hatte.
 674
Die andere handelt, um ihrer aus ideologischen Gründen und zur Rettung ihres Buchprojektes favorisierten Partei medientechnisch auf die Beine zu helfen. Beide eint nur, daß sie engagierte Journalistinnen sind, die sich nicht auf kritische Begleitung (so wie Gisela Friedrichsen) beschränken, sondern weltverbessernd eingreifen möchten.

Weltverbesserungsvorhaben dürfen grundsätzlich auf meine Sympathie zählen. Der Verbesserungsbedarf ist ja unübersehbar, je genauer man hinsieht.
 678
Es bedarf also der moralischen Wertung beider Projekte, um das jeweilige Vorgehen einzuschätzen. Und da fällt das Urteil glasklar aus: die Vermeidung eines Fehlurteils hat für einen Anhänger des Rechtsstaats höchste Priorität. Die erstrebte Bestätigung eines ideologischen Weltbildes, das durch Wahrheit allenfalls gefährdet wird, läuft dagegen auf Propaganda und Aushöhlung der Unschuldsvermutung heraus.

An den Früchten werdet ihr sie erkennen, heißt es. Dieser alte Satz bewahrheitet sich, betrachtet man die Schwarzer-Artikel, die die Faktenlage systematisch entstellen.
 682
Bestes Beispiel hierfür ist ihr womöglich letzter (bleibender) Bild-Prozeßkommentar, der am Mittwoch, den 8.12. 2010, 00:35 Uhr veröffentlicht wird, also knapp neun Stunden vor Beginn der Hauptverhandlung:

»Super-Gau im Kachelmann-Prozess
Alice Schwarzer* kommentiert«
 688
Dieser Kommentar zeichnet sich dadurch aus, daß Schwarzer von Informationen aus erster Hand zehrt, die mit Sicherheit von dem Therapeuten der Nebenklägerin, Prof. Dr. Günter Seidler, bzw. dessen Rechtsanwalt stammen. Sie muß also als ausgesprochen gut unterrichtete Publizistin gelten. Dennoch gelingt es ihr, das, was am vorangegangenen Prozeßtag, dem 3.12.2010, geschehen ist und das sie jetzt rückblickend kommentiert, ins Unkenntliche zu verzerren. An jener Verhandlung hat sie zwar auch nicht teilgenommen, schließlich war es ihr Geburtstag; aber wozu gibt es Zeitungen & Internet einerseits und Telefon & E-Mail-Verkehr andererseits, um Informationen direkt aus der Quelle zu schöpfen?

Gegenstand ihrer Attacke ist wiederum Rechtsanwalt Johann Schwenn. Auf diese fettgedruckten Schlußsätze läuft ihr Artikel hinaus:
»Diesen Mittwoch also wird Prof. Seidler erneut versuchen, als sachverständiger Zeuge auszusagen. Diesmal lässt er sich von einem juristischen Beistand begleiten. Denn selbst ein Zeuge kann dieses Gericht ohne Schutz vor dieser Verteidigung kaum noch betreten.«
 693
Bild hat mal wieder die Nase vorn; denn das Blatt verfügt über eine Exclusiv-Kolumnistin, die mit geradezu hellseherischer Voraussicht gesegnet ist. Die weniger begnadete Konkurrenz erfährt erst während der Verhandlung, daß Prof. Seidler tatsächlich unter Beistandschaft von Rechtsanwalt Wolfgang Steffen, ehemals Vorsitzender Richter eines Strafsenats beim OLG Düsseldorf, als Zeuge aussagt.

Am 25.1.2011 darf der hierob unüberraschte Leser Näheres über die konkrete Einbindung von Alice Schwarzer in die juristische und psychotherapeutische Betreuung der Nebenklägerin zur Kenntnis nehmen: Christoph Albrecht-Heider resümiert den 24. Prozeßtag von Montag, dem 24.1.2011, in der Frankfurter Rundschau:
 697
»Günter Seidler wird in der kommenden Woche einen Rekord im Kachelmann-Prozess aufstellen. Am Mittwoch soll der Traumatologe der Universität Heidelberg seinen fünften Auftritt als Zeuge absolvieren. [...]
Das Interesse an seiner Person verdankt Professor Seidler, seit April 2010 Therapeut von Sabine W., Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn. Am Ende des 24. Verhandlungstages hat er dem Mannheimer Landgericht ein Zugeständnis abgerungen. Seidler, der bisher in nichtöffentlicher Sitzung Rede und Antwort über seine Patientin stand, wird auf einige der von Schwenn am Montag vorgelegten zwölf Fragen öffentlich antworten müssen.
Dabei hat es der stets streitbare Schwenn auch auf Alice Schwarzer abgesehen. Die Publizistin hat sich im Fall Kachelmann auf den Boulevard begeben und berichtet für die Bild-Zeitung von dem Prozess in Mannheim. Mit Bekanntwerden des Vergewaltigungsvorwurfes hat sich Schwarzer auf die Seite des mutmaßlichen Opfers geschlagen.
Offenkundig gab es rege Kontakte zwischen Seidler und Schwarzer, die zur Verstärkung der Nebenklage jenen ehemaligen Richter Wolfgang Steffen empfohlen haben soll, der nun als Rechtsbeistand des Zeugen Seidler auftritt und ihn juristisch vor den Angriffen Schwenns schützen soll. Schwenn möchte von Seidler auch erfahren, wie es kommen konnte, dass die Bild-Zeitung aus einem Schriftsatz Steffens zitierte, bevor dieser den Prozessbeteiligten vorgelegt wurde.«
 703
Die »regen Kontakte« zwischen Schwarzer und Seidler dürften ihren Kommentar vom 8.12.2010 befeuert und beflügelt haben; die Enthüllung, wonach sie der Nebenklägerin nicht nur einen Medienanwalt mit »knallharter Strategie«, sondern auch noch die Aufstockung des Nebenklage-Teams um den pensionierten Strafsenatsvorsitzenden Wolfgang Steffen empfohlen habe, dürfte sie öffentlich wohl erneut als »völlig irrelevant« werten, zumal ihrem Rat ja nicht gefolgt worden ist.

Was genau wirft sie der Verteidigung denn jetzt schon wieder vor?
 707
»Krawall-Anwalt Schwenn ballerte quasi aus der Hüfte auf den Zeugen Prof. Günter Seidler. [...] In einem wahren Husarenstreich forderte Verteidiger Schwenn nun überraschend, den persönlichen Aktenkoffer des Zeugen zu beschlagnahmen. Denn, so sein Argument, der Traumatologe sei parteiisch und habe Kontakt mit dem Opferanwalt und dem Staatsanwalt. Außerdem sei anzunehmen, dass „der Inhalt des Koffers uns die Möglichkeit gibt zu einer etwas erweiterten Akteneinsicht, die uns die Staatsanwaltschaft bisher verweigerte“.
Prof. Seidler ist kein Jurist und war von der Attacke überrumpelt. Er übergab seinen Aktenkoffer also dem Richter. Und der Richter? Der sagte kein Wort dazu.«
 710
Daß Seidler sich »überrumpelt« gefühlt habe, wird Schwarzer entweder von ihm selbst oder aus dem besagten Schriftsatz von Steffen wissen, den sie hier offensichtlich zitiert: haargenauso hat Steffen es dann elf Stunden nach Erscheinen ihres Bild-Artikels am 8.12. im Gerichtssaal vorgetragen – was Schwenn nicht entgeht, wie die Stern-Reporterin Ingrid Eißele berichtet:
 712
»Dieses Mal brachte Seidler den Anwalt Steffen als Beistand mit. Sein als Traumatologe "weltweit anerkannter" Mandant sei durch Johannes Schwenn überrumpelt und dem öffentlichen Gespött preisgegeben worden. "Das war ehrabschneidend", schimpfte der Anwalt, noch bevor sein Mandant ein Wort gesagt hatte. Schwenn ziele darauf ab, den Gutachter "fertig zu machen". Es sei "mit weiteren unsachlichen Angriffen" von Schwenn zu rechnen.
 714
Der warf ihm wiederum vor, dieselben Sätze kurz zuvor bei Alice Schwarzer in der "Bild"-Zeitung gelesen zu haben.«

Stimmt. Alice Schwarzer ist ausgesprochen gut informiert. Nirgendwo sonst war zu lesen, was der ominöse Koffer (abgesehen von einer leeren Brotdose) denn wirklich enthalten hat.
So abgeklärt berichtet etwa David Klaubert in der FAZ über den vermeintlichen »Husarenstreich«:
 720
»Denn sofort nachdem sich der Zeuge Günther Seidler vorgestellt hat, stellt Verteidiger Schwenn seinen nächsten Antrag: Der Aktenkoffer des geladenen Therapeuten möge beschlagnahmt werden, da darin möglicherweise Unterlagen seien, die als Beweismittel für das weitere Verfahren von Bedeutung sein könnten. Die Staatsanwaltschaft äußert keine Einwände, Seidler zieht eine leere Brotzeitdose aus seinem Koffer und hält sie in die Höhe.
Dann überreicht er seinen schwarzen Pilotenkoffer, in dem sich nach seiner Auskunft neben der Tupperdose ein Terminkalender, zahlreiche Mitschriften und mehrere Bücher befinden, dem Gericht. Der Richter vertagt die Befragung des Zeugen Günter Seidler, die nur der Beginn der Befragung zahlreicher Fachleute sein soll, auf den nächsten Verhandlungstag.«

Den Inhalt und das weitere Schicksal des Koffers am 3.12.2010 breitet Schwarzer nun, offenichtlich unter Zugrundelegung der anwaltlichen Erklärung für den Zeugen Seidler, präzise aus:
 725
»In dem Koffer des Arztes befanden sich nämlich nicht nur zwei private Terminkalender mit Namen von Patienten, sondern auch die Protokolle aller 53 Therapiesitzungen mit dem mutmaßlichen Opfer, die letzten drei handschriftlich. Damit hat nun die Verteidigung Kachelmanns – also auch der mutmaßliche Täter – einen uneingeschränkten Einblick in die intimen, privaten therapeutischen Gespräche zwischen dem mutmaßlichen Opfer und seinem Therapeuten!

Denn der Vorsitzende Richter übergab den Aktenkoffer von Prof. Seidler gegen 14.20 Uhr an Schwenn, inklusive Inhalt. Dann brach der Richter die Verhandlung ab. Der Verteidiger hatte also genug Zeit, die Unterlagen „zu durchforsten“ (Richter Seidling). Das Kachelmann-Team nutzte seine Chance. Prof. Seidler erhielt seinen Aktenkoffer erst gegen 18 Uhr zurück.«
 729
Den Bild-Lesern wird systematisch Sand in die Augen gestreut. Die Propaganda-Maschine läuft auf Hochtouren. Eigentlich, so hat es ihnen Alice Schwarzer ja zutreffend mitgeteilt, sollte die Überprüfung des Aktenkoffers Anhaltspunkte für die parteiische Einbindung des Therapeuten in das gemeinsame Anliegen von Nebenklage und Staatsanwaltschaft erbringen. Tatsächlich, so suggeriert sie hier, hat der »Husarenstreich« von Schwenn dann aber dazu geführt, daß die gesamten Therapieprotokolle erbeutet wurden. Und nun dreht sie voll auf:
 731
»Dabei passierte da etwas Ungeheuerliches! Etwas, was die eh schon existierende Schieflage in diesem Prozess zwischen allmächtigem Angeklagten und ohnmächtigem mutmaßlichen Opfer vollends zum Kippen bringen könnte. [...]
Also führen wir es uns nochmals vor Augen, was passiert ist: Kachelmanns Verteidiger hat sich am Freitag sozusagen mit ins Therapiezimmer des mutmaßlichen Opfers gesetzt. Er weiß jetzt alles, was die Frau ihrem Therapeuten anvertraut hat; kennt ihre Gemütsverfassung und ihre intimsten Gedanken. Das ist ein Super-Gau. Wie kann es nur sein, dass die Staatsanwälte und der Richter das zugelassen haben?!«
 734
Ein Stück aus dem Tollhaus, fürwahr. Denn nicht nur die Staatsanwälte – erstmals (?) keine Bedenken gegen einen Antrag der Verteidigung äußernd – und die Richter haben diese Untat zugelassen, sondern auch der für einen Protest zuständige Nebenklagevertreter, Rechtsanwalt Franz, den sie als Adressaten ihrer künstlichen Entrüstung ausspart. Ja warum denn nur? Sind die alle plötzlich angeklagtenfreundlich geworden? Natürlich nicht.

Naturgemäß weiß auch die im Lager von Nebenklage und Therapeut & eventuell zukünftigem Buchpartner stehende gutinformierte PR-Frau Alice Schwarzer, was Sache ist.
 738
Die Nebenklägerin hat ihren Therapeuten umfassend von der Schweigepflicht befreit und ihn damit zum sachverständigen Zeugen der Staatsanwaltschaft befördert. Letztere vertritt die – von Frau Prof. Greuel zwar diskutierte, aber bezweifelte – These, daß bei der Zeugin ein durch Todesangst ausgelöstes Psychotrauma vorliege, das ihre unzulängliche Tatschilderung erklären könne. Durch Darlegung seiner entsprechenden Diagnose und Therapie soll Prof. Dr. Seidler diese These belegen. Die schriftlichen Therapieprotokolle mußten im Rahmen dieser umfassenden Ermächtigung als Beweismittel zur Verfügung gestellt werden. Prof. Kröber hat seine – wohl im Juli/August 2010 stattgefundene – psychiatrische Exploration der Nebenklägerin nebst Überprüfung von Diagnose und Therapie des Zeugen Prof. Seidler auch auf Basis der ihm überlassenen Sitzungsberichte durchgeführt. Prof. Seidler hatte zugesagt, dem Gericht und damit allen Prozeßbeteiligten auch die aktuellen Aufzeichnungen zu überlassen, wie sich aus einer Frage nach dem Eingang der angeforderten Protokolle von Rechtsanwalt Birkenstock an das Gericht vom 10.11.2010 ergibt – diese Zusage hat er aber offenkundig bis zum 3.12.2010 nicht oder nicht vollständig eingehalten.
 740
Man muß eben immer wieder die seriöse Presse zurate ziehen, will man der Wahrheit näherkommen. Wiederum David Klaubert in der FAZ über den vorangegangenen Antrag der Verteidigung vom 3.12.2010, die Vernehmung des sachverständigen Zeugen Prof. Dr. Seidler zumindest teilweise in öffentlicher Hauptverhandlung durchzuführen:

»Dann soll endlich der Therapeut Günter Seidler als „sachverständiger Zeuge“ vernommen werden – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die ersten Zuschauer stehen deshalb schon auf, als Verteidiger Schwenn einen weiteren Antrag stellt: Der Zeuge Seidler solle öffentlich vernommen werden – und zwar zumindest bei allen Fragen, die seine Kompetenz beträfen. „In seinen Therapieprotokollen findet man Absonderliches“, begründet Schwenn seine Forderung. „Der Zeuge behauptet von sich, er könne Todesangst riechen.“ Mehrere der knapp 50 Zuschauer lachen laut los, der Richter ruft nach Ruhe, und Schwenn setzt nach: „Anlass zum Gelächter hat Zeuge Professor Seidler gegeben.“«
 744
Therapieprotokolle standen der Verteidigung demnach schon vor der »Durchforstung« des Aktenkoffers zur Verfügung...

Kurz und gut: die Herausgabe der Therapieberichte gehört zur Zeugenpflicht des Thearapeuten. Sie liegt im vitalen Interesse von Staatsanwaltschaft und Nebenklage, und die Verteidigung hat die zögerliche Kooperation des Zeugen Prof. Dr. Seidler genutzt, um die Vollständigkeit des formal freiwillig herausgegebenen Materials durch das Gericht (mit Nachkontrolle durch die Verteidigung) überprüfen zu lassen.
 748
Alice Schwarzer verdreht die Tatsachen auf eine Weise, die nicht anders als zielgerichtete Irreführung des Publikums bezeichnet werden kann.
Ob die harmlose Aktion (eine schlichte Antragstellung) des »aus der Hüfte ballernden« Courtroom-Cowboys mit Husarenmentalität – nun ja, reiten können beide Mannsbilder – tatsächlich zu einem Super-GAU für ihre Partei geführt hat? Ist es der Verteidigung etwa gelungen, Beweismaterial für eine Einbindung des Therapeuten in die Strategie von Nebenklage und Staatsanwaltschaft zu sichern? Diese Auskunft bleibt sie uns selbstverständlich schuldig, obwohl sie die Antwort wissen müßte. Man ist, wie immer, gezwungen, woanders zu suchen, um wenigstens ein Bröckchen an Information zu ergattern.
Zur Qualität des ›Beifangs‹ (also des zusätzlich zu den Protokollen vorgefundenen verfahrensrelevanten Kofferinhalts) liest man bei Jost Müller-Neuhof im Tagesspiegel vom 9.12.2010 zumindest dies:
 752
»Schwenn weiß mit den Naivlingen umzugehen, notfalls, so schreibt er, bedürfe es auch mal einer Beschlagnahme in der Hauptverhandlung, um die Sektierer zu entlarven, ihre Unterlagen verrieten sie. Schrieb’s, und ließ als Anwalt im Prozess vergangene Woche prompt Seidlers Koffer öffnen und bis auf die Brotdose untersuchen. [...] Am Mittwoch sagt Schwenn, man sei fündig geworden, es gebe verdächtige „tagebuchartige Notizen“ zu der Nebenklägerin.«
 754
Sollte diese Wertung zutreffen, wäre das »Ungeheuerliche« des Vorgangs und Alice Schwarzers Empörungsgestus nachvollziehbar. So geht es zu, wenn das Rollenspiel als objektive Berichterstatterin und Kommentatorin nicht mehr funktioniert. Aber Parteigängern, dies zum Trost, nimmt man selektive Sicht und propagandistische Umtriebe wenigstens nicht übel. Das gehört nun mal zum Job, der immer schwieriger zu werden scheint. Denn wie schlecht muß es um eine Sache stehen, deren mediale Vermittlung derartiger Methoden bedarf?

30.1.2011

(Fortsetzung folgt)

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