Überlegungen zur Sprache im Kriminalroman
von Gabriele Wolff
Ist es eigentlich von
Belang, wie ein Kriminalroman geschrieben ist? „Funktioniert“
Spannungsliteratur nicht auch dann schon, wenn Plot, Setting,
Personal und Dramaturgie nur klug genug gewählt und handwerklich
sauber umgesetzt sind, wobei die Behandlung zeitgeistiger In-Themen,
wahlweise in Tateinheit mit der Demonstration wohlfeilen
gesellschaftskritischen Engagements gegen Ausbeutung und
Unterdrückung, Leser- und Kritikerakzeptanz noch erhöhen?
Das sind, so wird es
jeder Autor sehen, der sich regelmäßig mit Konstruktion
und Gegenstand seines Krimis weitaus weniger plagt als mit dem
Schreibprozeß selbst, rhetorische Fragen. Denn den bloßen
Entwurf einer ›interessanten‹ Figur oder eines
›relevanten‹ Konfliktes bekommt ja schon ein
quotenhungriger Fernsehredakteur hin. Der Weg vom Konzept zur
literarischen Darstellung führt dagegen in den Wortdschungel. Da
zerschneiden asphaltierte Autobahnen ein Paradies der Möglichkeiten,
Trampelpfade locken, Schneisen wollen geschlagen sein. Sumpfblüten
schillern verführerisch, massenhaftes Grün lähmt Sinn
und Verstand, schockfarbene Papageien kreischen um Aufmerksamkeit.
Durchmißt man das Gelände rasch, Marschzahl und Kompaß
im Kopf, schrumpft die Welt zur Kulisse; pflückt man jede
Orchidee am Wegesrand, sieht man den Wald vor Bäumen nicht mehr.
Man kann sich verlaufen, verirren, verrennen. Und am Schluß,
wenn er denn so weit kommt, weiß der Autor nicht, ob seine
Sprache jenes Welt- und Lebensgefühl, mit dem er Roman und
Figuren zu beseelen gedachte, auch tatsächlich transportiert,
oder ob es bei den bloßen Behauptungen seines Entwurfs
geblieben ist.
Denn Literatur
funktioniert anders als ein Film, der die Sinne überwältigen
darf und soll. Der melancholische Held am nächtlichen Fenster,
versonnen rauchend, dazu die einschlägige Musik; ein
pathetischer Kunstsatz, von der Heldin beiläufig gemurmelt,
gefolgt von einem verdrucksten Lächeln und dem verlegenen
Zurückstreichen einer Haarsträhne; das junge einsame
Mädchen in großstädtischer Hotelzimmertristesse vor
der regennassen Fensterscheibe: selbst tausendmal rezipierte Bilder
und Gesten wirken und zielen unmittelbar ins Herz. Es reicht schon
aus, wenn gute (oder auch nur besonders gutaussehende) Schauspieler
ihre Aura in den Dienst der Bilder stellen.
Sollen gelesene Worte
ein Kopfkino mit derselben Gefühlswirkung in Gang setzen, bedarf
es anderer Qualitäten. Denn Worte dringen zunächst in eine
Zone ein, in der die Ratio vorherrscht, bevor sie blitzartig in
Bilder, Töne, Situationen, kurz: in sinnliche Reflexe aus der
ständig abgleichenden Erfahrungswelt des Lesers übersetzt
werden. Diese Schlüsselworte zu finden, die beim Leser,
insbesondere dem ersten Leser, dem Autor selbst, das auslösen,
was der Autor vor sich sieht, macht die Schreibarbeit aus. Die bloße
Rück-Übersetzung von Bildsprache in Sprache à la
»Der Held schweigt in die Nacht. Seine Zigarette glüht
auf, bevor er tief inhaliert« uswusf. ist kontraproduktiv.
Kitsch! schreit der gequälte Leser auf, derselbe Leser, der sich
als Kinogänger gegen den Effekt dieses Bildes nicht zu wehren
vermag. Wenn dann auch noch die wortlosen Botschaften dieses
Filmbildes im Roman als Mitteilung existenziellen Gedankenguts des
Heldens daherkommen, ist alles aus. Mit dem Holzhammer will kein
Leser traktiert werden. Und vom Erhabenen zum Lächerlichen ist
es nun mal ein kleiner Schritt...
Wie also setzt man, wenn
man schon das klischeebeladene, aber marktgängige Konzept des
melancholischen Ermittlers gewählt hat, dieses Vorhaben im
Roman sprachlich und konzeptionell angemessen um? Indem ich den
Helden inmitten eines kollegialen Ausbruchs von Heiterkeit leise und
nachdenklich sein lasse? Ich könnte ihn einen abgegriffenen Witz
reißen lassen, der aber in der Situation, in der er
ausgesprochen wird, eine untergründig-traurige Botschaft
enthüllt. Ich könnte ihn, mitten in einer engagiert
geführten Vernehmung, die der Lebenslüge seines Gegenübers
nur geringfügige Kratzer zufügt, plötzlich resignieren
lassen. Man kann ihn zeigen, wie er in dem Täter das arme
Schwein erkennt, ihm selbst nicht unähnlich, und wie er mit der
Frage ringt, ob es überhaupt sinnvoll ist, diesen Täter
dingfest zu machen: denn an den Verhältnissen, die ihn zufällig
zum Täter und nicht zum Opfer werden ließen, änderte
seine Bestrafung nichts. Die sprachliche Umsetzung eines Konzeptes,
der richtige Satz, das treffende Wort: das ist die eigentliche Arbeit
des Autors, die in der Figurenzeichnung zwar kulminiert, die aber
schon bei einer ganz simplen Aufgabe in Schwerstarbeit ausarten kann.
Nehmen wir einmal an,
der Romanentwurf sähe vor, daß die Ermittlerfigur A vom
Zeugen B die wichtige Information erhält, daß... egal,
was. Die Ermittlerfigur ist voll entwickelt, vom Zeugen B weiß
der Autor noch nicht viel; ein paar äußere Daten und seine
Funktion im Gesamtgefüge sind skizziert. Offenbarte der Zeuge
umstandslos auf die erste Frage des Ermittlers seine wichtige
Kenntnis, wäre die Szene überflüssig. Die Information,
um die es eigentlich geht, könnte genauso gut gesprächsweise
eingeführt werden: „Übrigens, der Kollege XY hat von
dem Zeugen B etwas Wichtiges erfahren...“. Im Schreibprozeß
soll und wird sich daher der Entwurf ›Vernehmung des Zeugen B‹
entwickeln. Da reagieren zwei Menschen aufeinander, die erst im
Gespräch Konturen bekommen, von denen der Autor vorher selbst
nichts wußte. Eine merkwürdige Übereifrigkeit des
Zeugen, Mißtrauen beim Vernehmer, Zweifel am Wahrheitsgehalt
der allzuschnell offenbarten Information, Motivforschung, welche
Belastungsgründe der Zeuge haben könnte, zugleich
Milieustudie, die das Umfeld des Opfers ausleuchtet, Demonstration
der Vernehmerqualitäten der Ermittlerfigur, die Erfindung der
Relevanz einer Nebenbemerkung, die sich später als die
wichtige Information entpuppt, die die Ermittlerfigur von diesem
Zeugen gar nicht zu erlangen suchte – aus dem stichpunktartigen
Kozept ist eine große, ja spannende Szene geworden, die weit
mehr transportiert als geplant.
Und ganz nebenbei sind
wichtige sprachliche Entscheidungen gefallen (oder werden bei der
Überarbeitung der, vielleicht rauschhaft entstandenen, Szene
gefällt): Mit welchen Strichen zeichne ich ein lebenspralles
Gegenüber der Hauptfigur? Lege ich den Schwerpunkt auf den
Dialogpart oder auf die Gesamterscheinung des Zeugen (einschließlich
Wohnung, Kleidung, Physiognomie und Verhalten)? Benötige ich die
Zusätze „fragte er“ und „antwortete er“
in allen erdenklichen Varianten wirklich oder kann ich sie weglassen,
weil der Sprachduktus von Ermittler und Zeuge so unterschiedlich ist,
daß der Leser weiß, wer gerade redet, ohne sich nach der
letzten eindeutigen Zuordnung mit Durchzählen der Dialogblöcke
nach „A-B-A-B“ behelfen zu müssen? Ersetze ich die
Hinweise auf die Person des jeweiligen Sprechers durch
aufschlußreiche Mitteilungen, wie seine Stimme dabei klingt,
(laut, leise, heiser, monoton, gepreßt), oder füge ich
kurze Einschübe ein, die sichtbar machen, was er tut, während
er etwas sagt? Lasse ich die Körpersprache des Zeugen den Inhalt
seiner Aussage widerlegen oder bekräftigen? Kurz: lebt
die Szene? Erfahre ich mehr über die beteiligten Personen als
sie sagen (dem Gegenüber und sich selbst)?
Das alles ist ein
Ergebnis von Spracharbeit. Gerade Kriminalromane mit ihrem
realistischen Ansatz (hiervon später) leben allein von ihrer
sprachlichen Qualität.
Umso betrüblicher
ist der Umstand, daß, objektiv betrachtet, die Eingangsfrage
leider ganz und gar keine rhetorische ist. Denn nur eine Minderheit
der Krimikritiken widmet der sprachlichen Behandlung, die der Autor
seinem Werk angedeihen ließ, überhaupt nur ein Wort. Da
wird (falls nicht nur der Klappentext abgeschrieben wird, wie bei
Lesungsberichten der Lokalpresse leider nur allzu üblich) der
Inhalt referiert, die Relevanz der Thematik dargelegt, der
Spannungsfaktor gewertet, der aufklärerische Impetus gerühmt;
es werden Leichen gezählt, soziologische Analysen über das
Romanpersonal gefertigt, Authentizitätsprüfungen des geo-
und topographischen Settings vorgenommen, krimitheoretische Ein- und
Zuordnungen gewagt. Private Leseassoziationen des Kritikers sowie
Schnipsel aus der Vita des Autors, gern mit O-Tönen, runden das
Bild ab, in dem einem zwar manchmal selbst die Mitteilung von Rasur
und Frisur des Urhebers nicht erspart bleibt, aber nicht der
geringste Eindruck davon vermittelt wird, wie der Autor schreibt.
Wie sich das Buch liest. Welchen ästhetischen Reiz die Lektüre
bietet. Welche sprachlichen Mittel der Autor eingesetzt hat.
Ein „brillanter
Thriller“ ist nämlich nicht unbedingt, wie ich feststellen
mußte, auch brillant geschrieben, und die „außergewöhnliche“
Ermittlerfigur, die der Kritiker entdeckt haben will, garantiert
nicht zwangsläufig, daß mir aus den Buchseiten ein voller
Mensch entgegentritt: im Gegenteil kann man es mit einer
Reißbrettfigur zu tun bekommen, der zur besseren
Unterscheidbarkeit von konkurrierenden Romanfiguren lediglich ein
paar skurrile Züge und Eigenschaften angepappt wurden, die sich
als für den Roman bedeutungslos herausstellen. Die
„atmosphärisch dichten Bilder“ entpuppen sich bei
eigener Lektüre als ausgelutschte, des öfteren sogar
windschief zusammengeleimte Metaphern, und die dem männlichen
Kritiker so „sympathische“ Heldin erregt bei der Leserin,
wie nicht gerade selten, nur Widerwillen, weil sie eindimensional
als mimosenhafte Heulsuse oder als derbes Stiefelweib angelegt ist
und über keine jener irritierend widersprüchlichen Façetten
verfügt, die eine Figur erst zur Persönlichkeit machen.
All das scheint
unwichtig zu sein. Ein Kriminalroman muß es sich, so sieht es
aus, sogar gefallen lassen, rein plottechnisch dahingehend gecheckt
zu werden, ob er sich den schlichten Drehbuchregeln von Actionfilmen
à la James Bond und ›Dirty Harry‹ unterwirft
oder nicht: „Alle diese Filme wurden Klassiker, weil sie in den
ersten Minuten den grundlegenden Konflikt zwischen dem Helden und
seinem Gegner präsentieren und diesen erst in der letzten Minute
auflösen.“, eine kühne These, die die
Hauptingredienzien solcher Machwerke außer Acht läßt:
ein Schauspieler, der sich als, gern edel verwitterte,
Projektionsfläche für Männlichkeitskonzepte eignet,
und viele bunte Bilder, wobei Explosionsszenen, der
psychoanalytischen Deutung besonders leicht zugänglich,
unverzichtbar sind. Aber weiter im Text des Krimi-Kritikers: „Und
nur auf dieses Modell eines Helden, der ein Ziel gegen Widerstände
erreichen will, konzentrieren wir uns im Folgenden. Andere
Komponenten, wie dreidimensionale Charaktere und die Sprache,
beachten wir kaum.“ So der Kritiker im Pluralis modestiae, wie
ich zu seinen Gunsten annehme, der nun leider feststellen muß,
daß ein Film ein Film ist und ein Buch ein Buch, denn die
meisten der neun untersuchten Krimi-Autoren „wichen, zu ihrem
Nachteil, mehr oder weniger von diesem Modell ab“, während
einer das Hollywood-Niveau nicht ganz erreichte, sondern es mit
„einer massentauglichen Fernsehdramaturgie“ qualitativ
leicht unterbot. Immerhin hat er sich damit (oder dennoch?) das
Prädikat erworben, einen „flott zu lesenden Krimi“
geschrieben zu haben. Zeit ist Geld, weshalb eben auch flott
geschriebene Krimi-Rezensionen im Medium des Internets Alltag sind.
Wendet man sich Kritiken
zu, deren Verfasser von vorneherein den Bonus des Amateurstatus’
in Anspruch nehmen dürfen, liest man also
Amazon-Leser-Rezensionen, ergibt sich kein freundlicheres Bild. So
weisen die Kassenschlager des Genres einen erfreulich „flüssigen
Schreibstil“ auf, der das Buchverschlingen nicht weiter
behindert, und macht ein Autor beispielsweise allzusehr von dem nun
wahrlich nicht innovativen Stilmittel des inneren Monologs (Döblins
›Alexanderplatz‹ von 1929 scheint als Schullektüre
ausgedient zu haben) Gebrauch, handelt es sich um einen
„gewöhnungsbedürftigen“ Stil, der manch einem
die Lektüre komplett verleidet.
Aber es kommt noch
schlimmer. Denn gar nicht selten werden Kriminalromane als gelungen
gelobt, obwohl sie – nach Auffassung des Kritikers –
sprachliche Defizite aufweisen. „Trotz der, sagen wir, etwas
hausbackenen sprachlichen Umsetzung ein spannendes Experiment“,
urteilt da ein Rezensent, der eine, sagen wir mal, konventionelle
Sprache grundsätzlich als Mittel der Spannungserzeugung für
ungeeignet hält. Ebenfalls eine These, der ich widersprechen
muß, aber, nun gut. Ein anderer grämt sich, weil die
Sprache „gelegentlich voller Gemeinplätze ist – oder
ein wenig wie dänisches Knäckebrot anmutet“ –
der rezensierte Politthriller „scheint“ dennoch „alle
Sachbücher, die über Al Qaeda bisher erschienen sind,
mühelos zu ersetzen.“ Wenn die diplomierte Politologin im
Buch „anfängt, die Funktionsmechanismen von Al Quaeda zu
erläutern, knirscht es keineswegs im Getriebe des Thrillers.
[...] Wie ein Seziermesser schneidet [seine] Prosa in die Haut
westlicher Zivilisation – und setzt Unglaubliches frei.“
Es knirscht nicht, es bröselt nur knäckestaubtrocken, aber
dafür haben wir alle etwas gelernt. Auch wenn der Stil des
Autors „manchmal etwas zu manieriert und selbstverliebt ist“
– es folgen erschröckliche Beispiele – und sein
Thema, zu dessen Illustrierung eine Krimihandlung unterlegt ist,
„manchmal etwas zu penetrant betont wird“: sein Buch
„gibt einem zu denken, macht einige Gewissheiten unsicher und
unterhält sehr intelligent und sehr spannend.“ Wie ist das
nur möglich? Wie kann der in jedem Zitat dieser Rezension
gnadenlos bloßgelegte Sprachschwulst unterhalten? Und
dann auch noch intelligent und spannend? Besonders infam geht ein
Kritiker vor, der einem Kriminalroman attestiert, daß er einen
„Stil von jener gezielten Farblosigkeit, welche man von Agatha
Christie kennt, bei der die Handlung fast alles, die Sprache sehr
wenig ist“, aufweise, „aufgelockert wird er gelegentlich
durch die Zurschaustellung von Bonmots.“ Ausdrücklich wird
dem Übersetzer gedankt, der sich der schwierigen Herausforderung
gestellt habe, „bewusste Banalität“ übertragen
zu müssen. Nun kommt der Dreh: der Autor, der sich als
Hochliterat bereits bewiesen hat, hat nämlich eine Krimiparodie
auf den englischen Landhauskrimi mit einem klassischen locked room
mystery verfaßt, und erweist sich daher mit seinen ständigen
Krimianspielungen und Buch-im-Buch-Diskursen in Wirklichkeit als
„postmoderner Feuerwerker“, der seine eigentlich
vorhandene stilistische Brillanz aber leider deshalb unterdrücken
muß, weil „sein Ehrgeiz beim Verfassen eines Krimis, der
in ironischer Überfülle mit den Requisiten des Genres
vollgepfropft ist, höher zielt als auf die Parodie.“ Im
Klartext bedeutet dieser holprig formulierte Satz: auf die ironische
Brechung kam es dem Autor bei aller Feuerwerkerlaune weniger an als
darauf, ganz ›einfach‹ einen richtig schön naiven
Rätsel-Krimi zu schreiben, dessen Sprache dann eben auch
entsprechend banal ausfallen mußte (was sie tatsächlich
tut). Von hinten durch die Brust ins Auge: derartig exkulpiert, kann
man auch als intellektueller Leser einen Schlichtroman in der ihm
gemäßen Sprache goûtieren.
Klar und
unmißverständlich drückt sich dagegen ein weiterer
Rezensent aus: „Rührselige Innerlichkeit geht einher mit
mangelnden Charakterisierungen der handelnden Personen; die Motive
der Bösen bleiben weitgehend im Dunklen, [...] Auch wenn diese
und sprachlich so manch andere Mängel bleiben, bekommen die
[...] Autorinnen am Ende doch noch den Bogen zum halbwegs Plausiblen
und, auf jeden Fall, zur flotten Unterhaltung. Man kann von Thrillern
mehr erwarten, aber gut: Es geht auch deutlich schlechter.“
Da kann ich mir ja
in Zukunft so manche Grübelstunde schenken und einfach drauflos
schreiben. Schlechter geht’s immer, flott unterhalten oder
sachbuchmäßg informieren tut fast alles und den Ruf eines
Hochliteraten, der sich ironisch gebrochen (also das Genre nicht
ernstnehmend) hinunterbeugen und banal schreiben darf, erwerbe ich
mir sowieso im Leben nicht mehr, muß also ohnehin auf
Rezensionen in FAZ, ZEIT, WELT und SPIEGEL verzichten. Für den
Ruppiner Anzeiger und die Märkische Allgemeine reicht meine
Schreibe ja auf jeden Fall. Und sollte es mich eines schrecklichen
Tages überkommen, den hohen Ton zu produzieren, kann ich immer
noch darauf bauen, daß ihn jemand nicht als manieriert, sondern
als „unverwechselbaren sound“ empfindet – wenn ich
mich recht erinnere, tauchte dieses Sound-Fantum, ein Abschied vom
kritischen Qualitätsurteil und eine Hinwendung zum
klappentextkompatiblen „Kultbuch“, erstmals angesichts
des unbeschreiblichen und nichts (oder: das Nichts) beschreibenden
Stils von Judith Hermanns ›Sommerhaus, später‹ im
Jahr 1998 auf, der zwar nicht entwicklungsfähig war, aber
immerhin einige Fräuleinwunder-Epigoninnen zeitigte. Der
kurzfristige Erfolg von literarischen Moden hat, über die
Jahrhunderte betrachtet, immer etwas, das sich der kritischen Analyse
entzieht.
Das bringt mich auf das,
was aus diesen Jahrhunderten geblieben ist. Denn natürlich
glaube ich keineswegs, daß die Sprache der Kriminalliteratur,
im Gegensatz zu der anderer Literaturgenres, von untergeordneter
Bedeutung sei, im Gegenteil!
Es gibt nichts Neues
unter der Sonne, so sehr das auch gerade Autoren kränken mag,
die sich in gewissen, streng geheimzuhaltenden Stunden gerne als
Schöpfer verstehen, die etwas ganz Neuartiges, nie Dagewesenes
produziert haben. Dann aber blättert man in einem alten Buch und
findet die Erklärung schlechthin, aus welchen Gründen die
Behandlung von Kriminalfällen überzeitliche Faszination
auslöst. Mehr noch, man stellt verblüfft fest, daß
man selbst nach diesem Programm arbeitet, ohne daß man sich ihm
jemals bewußt verschrieben hätte. Ich sollte „man“
durch „ich“ ersetzen, aber ich sehe mit Freude viele
Kolleginnen und Kollegen am Werk, die meine Verblüffung teilen
werden.
Friedrich Schiller gab
1792 – 1795 das Werk ›François Gayot de Pitaval:
Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der
Menschheit‹ heraus, wobei er sich als einer der
Fall-Bearbeiter zu erkennen gab. In seiner Vorrede heißt es zum
Charakter des vorgelegten Buches: „Man findet in demselben eine
Auswahl gerichtlicher Fälle, welche sich an Interesse der
Handlung, an künstlicher Verwicklung und Mannigfaltigkeit der
Gegenstände bis zum Roman erheben, und dabei noch den Vorzug der
historischen Wahrheit voraus haben. Man erblickt hier den Menschen in
den verwickeltsten Lagen, welche die ganze Erwartung spannen, und
deren Auflösung der Divinationsgabe des Lesers eine angenehme
Beschäftigung gibt. Das geheime Spiel der Leidenschaft entfaltet
sich hier vor unsern Augen, und über die verborgenen Gänge
der Intrigue, über die Machinationen des geistlichen
sowohl als weltlichen Betruges wird mancher Strahl der
Wahrheit verbreitet. Triebfedern, welche sich im gewöhnlichen
Leben dem Auge des Beobachters verstecken, treten bei solchen
Anlässen, wo Leben, Freiheit und Eigenthum auf dem Spiele
stehen, sichtbarer hervor, und so ist der Kriminalrichter im Stande,
tiefere Blicke in das Menschen=Herz zu thun. [...] und wenn die
vollständigste Geschichtserzählung uns über die lezten
Gründe einer Begebenheit, über die wahren Motive der
handelnden Spieler oft genug unbefriedigt läßt, so
enthüllt uns oft ein Kriminalprozeß das Innerste der
Gedanken und bringt das versteckteste Gewebe der Bosheit an den Tag.
[...] Die Unterhaltung, welche diese Rechtsfälle schon durch
ihren Inhalt gewähren, wird bei vielen noch mehr durch die
Behandlung erhöht. Ihre Verfasser haben, wo es angieng, dafür
gesorgt, die Zweifelhaftigkeit der Entscheidung, welche oft den
Richter in Verlegenheit sezte, auch dem Leser mitzutheilen, indem sie
für beide entgegengesezte Parteien gleiche Sorgfalt und gleich
große Kunst aufbieten, die lezte Entwickelung zu verstecken,
und dadurch die Erwartung aufs höchste zu treiben.“
Einen wichtigen „Gewinn
für Menschenkenntniß und Menschenbehandlung“, so
Schiller, biete dieses Buch, das dank seines Gegenstands, aber auch
wegen seiner schriftstellerischen Behandlung, unterhaltend, spannend
und belehrend sei. Was die Beschäftigung mit Kriminalfällen,
außer dem tieferen Blick „in das Menschen=Herz“,
noch an Erkenntnisgewinn leisten kann, verriet er in seiner eigenen
Kriminalgeschichte ›Verbrecher aus Infamie. Eine wahre
Geschichte‹ (1786) – und gab zugleich einen Hinweis auf
die angemessene Darstellung: „Der Held [nämlich der
Verbrecher] muß kalt werden wie der Leser, oder, was hier eben
soviel sagt, wir müssen mit ihm bekannt werden, eh’
er handelt, wir müssen ihn seine Handlung nicht bloß
vollbringen, sondern auch wollen sehen. An seinen
Gedanken liegt uns unendlich mehr, als an seinen Thaten, und noch
weit mehr an den Quellen dieser Gedanken, als an den Folgen jener
Thaten. Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die
Entstehung seines Brandes zu erklären, warum schenkt man einer
moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer phisischen?
Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und
Stellung der Dinge welche einen solchen Menschen umgaben, bis der
gesamte Zunder in seinem innwendigen Feuer fing? Den Träumer,
der das Wunderbare liebt, reizt eben das seltsame und abentheuerliche
einer solchen Erscheinung; der Freund der Wahrheit sucht eine Mutter
zu diesen verlorenen Kindern. Er sucht sie in der unveränderlichen
Struktur der menschlichen Seele, und in den veränderlichen
Bedingungen, welche sie von außen bestimmten, und in diesen
beiden findet er sie gewiß.“ Die gesellschaftlichen
Bedingungen, die zur Verbrecherkarriere führten –
insbesondere unangemessen grausame gerichtliche Sanktionen und die
daraus folgende Ausstoßung aus der Gesellschaft –
behandelt Schiller in seiner Kriminalgeschichte mit besonderem
Engagement, und er erweist sich damit als moderner als diejenigen
zeitgenössische Autoren, die dem geisteskranken Serienmörder
auf der Spur sind. Der nämlich kein Mitglied oder Produkt
unserer Gesellschaft ist, sondern ausschließlich dämonisierter
Urheber voyeuristisch geschilderter „Thaten“.
Zwischen der Ruhe des
lesenden Menschen und der heftigen Gemütsbewegung des handelnden
Verbrechers sei zuviel Distanz: der Verbrecher werde dadurch, zu
Unrecht, meinte Schiller, „für ein Geschöpf fremder
Gattung an[gesehen], dessen Blut anders umläuft, als das
unsrige, dessen Wille andern Regeln gehorcht, als der unsrige; seine
Schiksale rühren uns wenig, denn Rührung gründet sich
ja nur auf ein dunkles Bewußtsein ähnlicher Gefahr, und
wir sind weit entfernt eine solche Ähnlichkeit auch nur zu
träumen. Die Belehrung geht mit der Beziehung verloren, und die
Geschichte, anstatt eine Schule der Bildung zu seyn, muß sich
mit einem armseligen Verdienste um unsre Neugier begnügen.“
Bei Lektüre dieser
Passage fiel mir spontan ein Kriminalroman ein, in dem gegen einen
unbekannten sadistischen Frauenmörder ermittelt wird. Der
Kommissar sucht einen Sachverständigen auf, der ihm
Triebstruktur und Seelenleben eines solchen Täters erklären
soll. Aber dann ist ihm die Nüchternheit, mit der der Psychiater
über dieses Thema spricht, plötzlich widerwärtig; wie
ist es nur möglich, über derartige seelischen Abgründe
im Ton der Normalität zu reden, so ganz ohne die gebotene
Abscheu! Er bricht das Gespräch ab, weil er den Täter nicht
verstehen will. Und der am Ende gefaßte Täter
sprudelt zwar vor Geständnisfreude und -stolz fast über,
schweigt sich aber über seine Motive aus. Er sähe keinen
Grund, die Taten, die er mit Vergnügen begangen habe, zu
erklären oder zu bereuen, wodurch er erst recht zum Monster
mutiert. Der Anti-Schiller-Ansatz also.
Geht man dagegen von
Schillers, nicht gerade geringem, Anspruch an einen Kriminalroman
aus, der für einen „Freund der Wahrheit“ geschrieben
wird, ergeben sich Konsequenzen für Inhalt, Sprache und Stil.
Gefordert ist eine realistische Geschichte, die zumindest historisch
wahr sein könnte, in der sowohl die gesellschaftlichen
Bedingungen von Verbrechen wie auch die seelische Verfassung, die zu
der Tat führte, so dargestellt werden, daß dem Leser eine
Distanz zum Helden und zum Geschehen erschwert wird. Diese
inhaltliche Vorgabe führt zur Anwendung einer konventionellen
Sprache, die sich (auch) des Personalstils bedient.
Konventionell deshalb,
weil Wirklichkeitssimulationen umso eher gelingen, je weniger sich
eine subjektive Erzählstimme in den Vordergrund schiebt. Eine
artistische, künstliche oder albern-witzige Sprache trifft
Aussagen über die Innenwelt des Erzählers, die die
Außenwelt regelmäßig nur noch schwach reflektiert.
Je mehr das Erzähler-Ich und seine Befindlichkeit in den
Vordergrund rücken, desto weniger welthaltig wirkt der Text.
Wenn die Sprache ›Hauptperson‹ ist, werden tiefere
Blicke nur in ein Menschenherz geworfen, der Rest –
Welt, Personal, Handlungen – ist Spielmaterial. Schiller hatte
sich zu Beginn seiner eigenen Kriminalerzählung die Frage
vorgelegt, ob die Distanz zwischen Leser und Held nicht dadurch
aufgehoben werden könne, daß der Leser warm werde wie der
Held: ob man es nicht, wie manche der besten Geschichtsschreiber
neuerer Zeit und des Altertums, machen solle, die „das Herz
ihres Lesers durch hinreißenden Vortrag bestochen haben“,
also eine emotionale, pathetische, suggestive Sprache benutzen solle.
Dies lehnt er vehement ab: „Aber diese Manier ist eine
Usurpation des Schriftstellers und beleidigt die republikanische
Freiheit des lesenden Publikums, dem es zukömmt, selbst zu
Gericht zu sitzen; sie ist zugleich eine Verlezung der
Gränzengerechtigkeit, denn diese Methode gehört
ausschließlich und eigenthümlich dem Redner und Dichter.“
Nicht aber dem „Geschichtsschreiber“ – da Schiller
eine „wahre Geschichte“ (be)schreibt, und ihn
interessiert beim Thema Verbrechen nur das reale, sieht er sich als
Historiker, der die Fakten zurückhaltend zu präsentieren
hat. Dieses Rollenverständnis läßt sich zwanglos auf
den ›Geschichtenschreiber‹ übertragen, der nur den
Anschein einer ›wahren‹ Geschichte erzeugen will.
Pathos, allzugroße Beredsamkeit im Sinne von Leserlenkung und
aufdringliche Überzeugungsarbeit für „die Sache“
stört auch in der fiktionalen Wirklichkeit, die sich letztlich,
bar eines Eigenlebens, nur als Beleg für das eigentliche Thema
des Autors präsentiert. Eine präzise, biegsame, der Sache
unauffällig dienende Sprache scheint mir nach alldem das Mittel
der Wahl zu sein – so nüchtern, wie Schiller seine
Geschichte beginnt, muß sie allerdings durchaus nicht sein...
Der Personalstil: wenn
nicht nur die Bedingungen, also die Welt, Interaktionen, äußere
Ereignisse, die wirken und einwirken, geschildert werden sollen,
sondern auch Gedanken, Beweggründe, das Wollen des Helden oder
anderer Figuren, ist eine subjektive Sprache geboten, die das Innere
einer oder mehrerer Figuren darstellt (die nicht notwendigerweise der
Täter zu sein braucht). Die Möglichkeiten, dieses Mittel
einzusetzen, sind so vielfältig, daß man sie kaum
aufzählen kann: Perspektivwechsel, das Einschalten von Briefen
oder mitgeschnittenen Telefonanrufen, eingestreute Bruchstücke
eines fremden inneren Monologs, die unmerkliche Vermischung
›objektiv‹ beschreibender Passagen mit kommentierenden
Wertungen einer Figur; selbst ein durchgängiger innerer Monolog
kommt als Variante in Betracht, solange er sprachlich nicht
auftrumpft, sondern durchlässig genug ist, das Außen noch
realistisch zu spiegeln.
Schiller selbst zieht in
seiner Kriminalerzählung sprachlich und dramaturgisch alle
Register, die in Gänze zu würdigen hier natürlich kein
Raum ist. Zu seiner literarischen Technik, den Helden dem Leser
bekannt zu machen, nur so viel: punktgenau unterbricht er den
Chronistenstil, mit dem ein von Anfang an beschädigtes Leben
beschrieben wird, an der entscheidenden Stelle, nämlich bei der
Mitteilung, daß der Held Christian Wolf nach der dritten
Wilddieberei exemplarisch hart bestraft wird. „Die Richter
sahen in das Buch der Geseze, aber nicht einer in die
Gemüthsverfassung des Beklagten.“ Ihm wird das Zeichen des
Galgens auf den Rücken gebrannt und er muß drei Jahre
Zwangsarbeit „auf der Vestung“ verbüßen, die
ihn vollkommen verändern: „Hier fängt eine neue
Epoche in seinem Leben an; man höre ihn selbst, wie er nachher
gegen seinen geistlichen Beistand, und vor Gerichte bekannt hat.“
Nun setzt die Ich-Erzählung des Helden ein, die bewegenden
Einblick in die schädliche Wirkung des Strafvollzugs und in die
„Gemüthsverfassung“ des Christian Wolf gewährt;
es ist ein packender Lebensbericht mit emotionalen, reflektierenden,
erzählenden Passagen, die auch eine Mordtat einschließen,
mit lebensnahen Dialogen und einem Kulminationspunkt. Alles läuft
auf diese bildhafte Szene zu, in der sich der Held – und hier
fällt er ins Präsens – „entscheidet“,
wobei von freiem Willen keine Rede sein kann, endgültig Abschied
von der Gesellschaft zu nehmen. Christian Wolf steht am Abgrund und
klettert, halb gezwungen, halb von den Dämonen seiner Mordtat
gejagt, hinunter zum Lagerplatz einer Räuberbande, deren
Hauptmann er alsbald werden wird. Nach diesem packenden Bericht
setzt, wie eine kalte Dusche, wieder die Chronistenstimme ein, die
„den folgenden Theil der Geschichte“ übergeht, denn
„das bloß abscheuliche hat nichts Unterrichtendes für
den Leser. [...] aber einen zweiten Mord begieng er nicht mehr, wie
er selbst unter der Folter bezeugte.“ Abgesehen von den
dramatischen Vernehmungen am abrupten Schluß der Erzählung
kommt der Held nur noch einmal selbst zu Wort, nämlich in einem
eingeschalteten brieflichen Gnadengesuch, in dem sich Stolz und Reue
die Waage halten. Schiller hat sein Krimi-Erzählprogramm
erfolgreich umgesetzt. Dem Leser, unterrichtet über alle Fakten
und Bedingungen, dürfte es, wie vom Autor erwünscht,
schwerfallen, das gefällte und vollstreckte Todesurteil gegen
Christian Wolf zu billigen, nachdem er tiefere Blicke ins Herz des
Unglücklichen hat werfen können...
Solche und ähnliche
Passagen des subjektiven Sprechens sollten ein Fest für Autoren
sein. Schließlich dürfen sie jetzt ganz nah ran an die
Figur; sie haben dabei die Freiheit, vollkommen undiszipliniert zu
schreiben, in Halbsätzen, Wortfetzen, assoziationsreich, das
wilde und wirre Denken abbildend, das den Menschen an sich, zwischen
Tagtraum und kühlem Planen schwankend, immer wieder
abschweifend, ausmacht. In Wahrheit sind solche Stellen die
schwierigsten überhaupt, selbst wenn man davor zurückschreckt,
sich von einer fremden Figur derartig vereinnahmen zu lassen, und
daher nur eine kontrastierende Erzählstimme wählt, die
tatsächlich stringent erzählt und nicht nur vor sich
hindenkt. Denn die Gefahr des Scheiterns ist groß. Habe ich die
richtige Sprache für ein Kind, einen Alten, einen sozialen
Underdog, eine Intellektuelle, eine männliche oder eine
weibliche Figur gefunden? Entsprechen die Gedanken und Gefühle
dem Charakter der Figur? Unterscheiden sich meine unterschiedlichen
Erzählstimmen hinreichend voneinander? Stimmt die Dramaturgie
beim Einschalten dieser subjektiven Passagen? Wenn alles gelingt,
lesen sie sich „flüssig“. Wenn nicht, kann der ganze
Roman mißlingen.
Der weniger riskante
Stil einer ausschließlichen Außensicht verhindert
spannungsfördernde Identifikation und erzeugt schlicht
Langeweile. Was, beispielsweise, gehen den Leser Opfer an, die er
erst anläßlich blutiger Überfälle oder im
Referat des Obduktionsprotokolls als Blutgruppeninhaber ›kennenlernt‹
und von denen er auch später nur erfährt, daß es sich
bei ihnen um Waffenschmuggler, Drogenhändler, Gewaltverbrecher
sowie um einen harmlosen Fußballfan handelt? Bandenkriege mit
gesichtslosen Beteiligten lassen den Leser völlig kalt. Falsche
Opfer eben. Sollen sie sich doch gegenseitig umbringen, das erspart
dem Staat viele Ermittlungsstunden, so zynisch reagiert der Leser,
der sich auch und gerade durch die inflationäre Zahl von Toten,
grausame Metzeleien und die akribische Beschreibung von Leichenfetzen
an Zellenwänden nicht aus der Reserve locken läßt.
Das Kompensationsgeschäft Grausamkeit statt Figurennähe
geht nicht auf. Das „bloß abscheuliche hat [nicht nur]
nichts Unterrichtendes für den Leser“, sondern auch nichts
Spannungsförderndes.
Die Kompromißlösung
zwischen Außensicht und Innenweltdarstellung, die mit Formeln
wie: „Er begriff, daß...“ oder: „Sie hielt
sich für eine Frau, die...“ arbeitet, um ein Stück
empathiestiftende Innenwelt ins Buch zu bringen, führt auf den
Holzweg der knarrenden Behauptungsprosa.
Es ist also von
Belang, wie ein Kriminalroman geschrieben ist. Je besser er
geschrieben ist, desto spannender ist er auch. Klar. War ja auch nur
eine rhetorische Frage.