von Gabriele Wolff
In der ZEIT Nr. 9 vom 22.
Februar 2007 antwortete die 89-jährige Psychoanalytikerin
Margarete Mitscherlich auf die Frage, welche Vorbilder sie in ihrem
Leben gehabt habe: »Es gab viele Menschen, die ich bewundert
habe. In der Kindheit war es meine Mutter, die mich so gut wie nie
verletzte [...]« Schon beim ersten Lesen drängte sich mir
die Wahrheit der Erfahrung auf, die diesen Worten zugrundeliegt:
Kindheit ist die Zeit der Verletzungen schlechthin, und
bewundernswert schon ein Mensch, der nichts zur seelischen
Deformation beiträgt. Kinder ›wissen‹ daher, daß
die reale Umgebung nicht Alles ist, und bewegen sich sicher in den
Nebenwelten der Phantasie. Ich wuchs in einer Zeit auf, in der Bücher
als Vermittler jener anderen Wirklichkeit konkurrenzlos waren, und
nachdem mein sich rasch entwickelnder kritischer Verstand Märchen
und Religion als Zufluchtsorte entzaubert hatte, war es Karl May, der
mir eine realistisch anmutende bessere Welt bot: Freundschaft, Liebe,
Treue, Gerechtigkeit, Freiheit und Weite. Die Überlegenheit von
Wissen und Scharfsinn, die Bedeutungslosigkeit von Herkunft, die
Entlarvung hohler Machtinstanzen. May, der im Alter bekannte: »Ich
blieb ein Kind für alle Zeit«, schrieb aus einer
geschlechtsneutral wirksamen kindlichen Perspektive, aus der
liebessehnsüchtigen Einsamkeit des Kindes, wunscherfüllend,
weltverändernd. »Ich habe ihn geliebt
wie keinen zweiten Menschen und liebe noch heut die hinsterbende
Nation, deren edelster Sohn er gewesen ist. Ich hätte mein Leben
dahingegeben, um ihm das seinige zu erhalten, so wie er dieses
hundertmal für mich wagte. Dies war mir nicht vergönnt;«,
schrieb er in seiner Einleitung zu ›Winnetou I‹ über
eine Liebe, die ihm tatsächlich nie vergönnt war. Als
Hadschi Halef Omar (in ›Von Bagdad nach Stambul‹)
seinem Sihdi unverbrüchliche Treue zusichert, ist das Ich
gerührt: »Da saß ich nun in stiller Nacht, und das
Herz wurde mir groß und weit unter der Gewißheit, die
Liebe eines Menschenkindes zu besitzen, eines Menschenkindes, dem
auch meine Zuneigung gehörte. [...] Auch das rauhe Herz eines
Weltläufers fühlt zuweilen, daß es im Innern des
Menschen hinter öden, einsamen Flächen auch Höhen
gibt, welche die Sonne mit ihrem Strahle vergolden und erwärmen
darf.« Er traf die Seelenlage von
Millionen; und daß sich unter ihnen viele spätere Autoren
befinden, überrascht kaum: Kindsein und Kreativität gehören
zusammen. Autoren haben beides, die Verletzbarkeit und den Willen zum
schöpferischen Gegenentwurf, wohl in höherem Maße
bewahrt als andere...