›Kühe in Halbtrauer‹
Arno Schmidts doppelbödige Erzählung
von Gabriele Wolff
Fängt man so eine Kurzgeschichte an?
„Früher, als
junger Mensch, hab’ ich mir wohl auch eingebildet, die Mienen=
und Gebärden=Sprache sei von Liebenden erfunden worden –
so ‹Nachbarskinder›, von ‹harten Eltern›
vorsichtshalber auf Armlänge auseinander gehalten; (obschon mir
dunkel schwante, daß die sich nach & nach nachdenkliche
Sachen telegrafiert, gewinkt, hinundhergezeigt haben würden;
a=part a=part.) Später dacht’ ich, es könnten kluge
Diebe gewesen sein, nachts, in behelfsmäßig erleuchteten
Juwelierläden; oder auch abhörgerätumstellte
Politiker, in den Sieben Bergen, ruhend auf Rasengrund, zur Koalition
bereit. Heute weiß ich, daß es zwei ältere Männer
an der Kreissäge gewesen sein müssen; nach ungefähr 40
Minuten.“
1
Dieses und alle folgende Zitate aus: Arno Schmidt: Kühe in
Halbtrauer, in: Bargfelder Ausgabe Werkgruppe 1, Band 3, Haffmans
Zürich 1992, S.337-349.
Die Geschichte ist auch
nachzulesen in: Arno Schmidt: Windmühlen. Erzählungen,
Reclam Stuttgart 1989
Veröffentlicht in:
Federwelt – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren –
Nr. 62 (Februar/März 2007), Uschtrin Verlag, München, S.
22-25
Nein, das ist gegen jede
Regel. Mit der Moral von der Geschicht’ fängt man
gewöhnlich nicht an (und in Erzählungen des 20.
Jahrhunderts hört man mit ihr auch nicht mehr auf). Und
überhaupt: ein merkwürdiges Thema für eine Geschichte,
die offenbar nur die Begründung für eine steile
Privat-These der Ich-Figur liefern soll! Da wird uns der Autor,
dessen Ich-Erzähler ja sogleich einen flapsig-witzigen Ton
anschlägt, doch wohl auf eine falsche Interpretationsfährte
locken wollen, argwöhnt der Leser sogleich. Doch wenn er den
humoristischen Ton auf Untertöne abhorcht und die Entwicklung
der vorgestellten Theorien analysiert, wird es ganz schnell ernst.
Denn tatsächlich offenbart das Ich die traurige Geschichte einer
Desillusionierung durch das Leben. Gebärdensprache und Mimik als
Kommunikationsmittel Liebender, die die Außenwelt nicht
zueinanderkommen läßt: das war noch eine berührend
romantische Vorstellung. Das Wesentliche, Liebe und Verzweiflung,
mitzuteilen, genügte in Zeiten, in denen ›die Liebe‹
als Fluchtort noch möglich erschien. Doch „nach &
nach“ wird man sich auch „nachdenkliche Sachen“
mitteilen müssen – „Nachdenken“ ist das
Schlüsselwort der Geschichte ›Kühe in Halbtrauer‹
überhaupt –, die Welt will es nicht anders, und da reicht
die bloße Gebärdensprache nicht mehr aus. „Später“
verkommt die Gebärdensprache zum subversiven
Verständigungsmittel, und wer durch ein schlichtes „oder“
Tatort-Kommunikation von Juwelendieben mit Koalitionsverhandlungen
von Politikern verknüpft, den hat das Leben gelehrt, Politik und
Staat für kriminell zu halten. „Heute“: ist der
Ich-Erzähler ganz und gar ernüchtert; Mimik und
Gebärdensprache sind nicht mehr autonom gewählt, sondern
reine Notwehr-Akte zweier ertaubender älterer Männer, die
sich ungeschützt dem Kreischen einer Kreissäge ausgesetzt
haben.
Und diese Geschichte
eines desillusionierten Ichs wird tatsächlich zwölf Seiten
lang erzählt, exakt dem Erzählprogramm folgend, als das
sich die einleitenden Sätze entpuppen: wie die beiden Männer
aus der Stadt, Otje und die fünfundfünfzigjährige
Ich-Figur, die vermutlich »Karl« heißt, von Otje
aber immer „Carlos“ genannt wird, was der Ich-Figur (wohl
wegen der romantisierenden Schiller-Assoziationen) nicht gefällt,
drei Tage auf dem Land verbringen, um sich dort eine „‹Oase›“
zu schaffen, wie es im Text heißt. Eine Oase in
Anführungszeichen, denn trotz naturromantischer Anklänge,
einmal wird Thoreau und später, direkt und indirekt, Karl May
herbeizitiert, kann sie nur ein von der Realität arg bedrohtes
Paradies sein. Denn ringsum lauert die einfältige und zugleich
bauernschlaue, naturfeindliche und rechtsgewirkte Landbevölkerung,
gegen die das gepachtete Grundstück durch juristisch pfiffige
Verträge und mithilfe eines Zauns abgeschottet werden muß.
Dominante und sexuell frustrierte wie frustrierende Eheweiber geben
Anweisungen und erteilen Alkoholverbote. (Beim Gespräch über
die Wechseljahre der Frauen sinniert der Ich-Erzähler: „»Sollte
man nicht auch das genaue Gegenteil erwarten können ?«;
(nämlich daß sie besser ‹ließen› :
sicherer freier weniger prüde würden ?“; Kommentar
von Otje: „»Anschreien bei Tage ergibt Impotenz bei
Nacht.«“) Die sogleich in der Erzählung zitierten
liebenden „‹Nachbarskinder›“ sind nicht
mehr lediglich eine „Armlänge“ voneinander entfernt;
das erotische Sehnsuchtsobjekt in Gestalt einer drallen Schnitterin
ist nur noch per Teleskop „auf 300 Meter Entfernung“ zu
erspähen. Man hat gegen Bremsenattacken sowie gegen Lug und Trug
der Bauern zu kämpfen, die ihr Gerät zum Herankarren von
Baumstämmen und die besagte Kreissäge nur gegen
Wucherpreise herausrücken wollen. Dem staatlichen Griff in die
Tasche der Bürger ist man zwar entronnen, denn das „Baräckchen“,
ein Refugium von vierundzwanzig Quadratmetern, ist kein
steuerpflichtiges Grundeigentum, sondern nur auf Pachtland
aufgestellt. In der Dorfkneipe entkommt man den im Zweifel tödlichen
Lügenreden der Politiker allerdings nicht – der Fernseher
läuft, und kurz vor dem 20. Juli sind nun mal Reden fällig,
die sich heuchlerisch zwischen allgemeiner Würdigung des
Widerstands gegen einen Tyrannen und dem nur eingeschränkten
Zugeständnis eines „Nachdenkens“ von Soldaten
hindurchlavieren. Am Ende der Geschichte sind die Protagonisten,
durchaus nicht unfroh, sich dieser Realität durch autistischen
Rückzug weiter entziehen zu können, ertaubt und teilen
einander durch Gebärden mit, daß es für sie mit
sexuellen Abenteuern aus Gründen nachlassender Potenz aus und
vorbei sei; während die lautlos auf der Szene erscheinenden
Ehefrauen die Helden erschrecken, deren Feierabend durch weitere
wortlose Arbeitsaufträge beenden und mittels mißtrauischen
Schnupperns und angewiderten Grimassierens den Alkoholkonsum ihrer
Gatten kritisieren.
Das alles wird witzig,
frech, zynisch, albern, kalauernd von einem Ich erzählt, das
niemals nur beschreibt – auch wenn dem Leser anhand
alltäglichster Realien und präzis gesetzten Zeitkolorits in
aller Schärfe ›Wirklichkeit‹ des Jahres 1961
vorgeführt wird –, sondern immer sofort das Gesehene und
Erlebte bewertet, kommentiert und mit Assoziationen anreichert. Das
Ich, dessen Temperament in den Eingangszeilen aufschien, denkt
unablässig über sich und die Welt nach und spart dabei auch
den Bereich des Trivialsten nicht aus: „Während ich seine
Pferdefratze so betrachtete, entstand in mir tief=innen irgendwie der
Wunsch nach ‹Sauerbraten› & Kartoffelklößen
‹auf thüringische Art› – was man denkt, ist
tatsächlich völlig irrelevant“. „Irgendwie“
entsteht der Wunsch natürlich nicht. Zu „Pferdefratze“
assoziiert Karl/Carlos Pferdefleisch, aus dem traditionell
rheinischer Sauerbraten hergestellt wird; und natürlich hat der
Held Appetit, nachdem er extra schon um sechs Uhr morgens
aufgestanden ist und lediglich ein Glas Milch gefrühstückt
hat. Jetzt, als er den Bauern mustert, der die Kreissäge
abliefert, ist es schon nach neun: der Unsympath hat sich auch noch
verspätet ...
Ein amüsantes
Funkelstück, das ganz und gar von der Spannung zwischen der
witzigen Textoberfläche und der resignativ-bissigen Welthaltung
des Helden lebt. Ein Kunstwerk wird es allerdings erst durch den
doppelten Boden, den Arno Schmidt eingezogen hat. Denn unterhalb der
Fabel wird eine zweite Geschichte erzählt, die das „Früher“
und „Später“ der Eingangssequenz, den Bruch in
Weltsicht und Charakter der Ich-Figur, erklärt. Eine Geschichte,
die den dahingeplauderten Satz von der Irrelevanz dessen, „was
man denkt“, widerlegt. Sie handelt von den Erfahrungen des
Helden während seiner Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg.
Die erste Injektion von
fortwirkender brutaler Zeitgeschichte findet sich bereits in der
ersten Metapher des ersten Absatzes der Geschichte: „Fern
u=bootete eine lange Limousine durch Getreidemeere“ heißt
es dort; die aus „Militär=Bettstellen“ hergestellten
Zaunpfähle beschwören Erinnerungen an den Krieg herauf,
Gedankenspiele zeugen Reminiszenzen an die Kriegsgefangenschaft, die
nur so, souverän gedankenspielend, zu ertragen war. Immer
dichter werden die Zeichen: eine Schanze im Sumpf als Ergebnis eines
Luftminenabwurfs, das Fernsehprogramm zum 20. Juli in der Dorfkneipe,
das „Untier“ Kreissäge, der der ängstliche Held
nur begegnen kann, indem er „verwildert den Unterkiefer“
vorschiebt – sein Oberschenkel, mit dem er ein schweres
Rundholz abstützt, mutiert derweil zum „Oberstschenkel“
–, das Zerstörungswerk der Säge begleitet „Ein
Krach wie im Kriege? Oh ja!“. Und dann kommt es, im Schutz des
Sägekreischens, zum gebrüllten Gespräch zwischen den
Protagonisten darüber, ob man selbst, als Artillerist im Krieg,
„‹nachgedacht›“ habe. Woraufhin Otje die
Geschichte eines Rechentruppführers erzählt, der in den
letzten Kriegstagen den Befehl, „200 Schuß auf Vechta“,
eine Lazarettstadt, in die Freund und Feind Verwundete brachten, zu
legen, ins Leere laufen läßt, indem er bewußt die
falschen Koordinaten zugrunde legt. Sie markieren eine Weggabelung
vor der Stadt; ein Akt, der sich nur scheinbar als
Befehlserfüllung darstellt. Eine Widerstandshandlung, die sich
von einem versehentlichen Vermessen nur dadurch unterscheidet, daß
sie später, in der sicheren Kriegsgefangenschaft, als bewußt
begangener Fehler beschrieben wird. Nicht eine wahrnehmbare Handlung
konstituiert Moral und Anstand, sondern das „Nachdenken“
und das spätere Erzählen darüber. Der Ich-Erzähler
dagegen ist, wie er bekennt, „seit eh & je 1 Feigling
gewesen“, was sich im Alter nicht gebessert habe. Ihm wäre,
angesichts des Schießbefehls, nur schlecht geworden. Dieses
Ausweichen sichert zwar die persönliche Integrität, belädt
aber auch mit Schuld, weil die Verantwortung lediglich an den
Nächsten delegiert wird. Eine solche Welt, die ähnliche
Konflikte immer wieder bereithält („Otje: »Und erst
im nächsten Krieg ! Ich hab’ne Schwester in Görlitz
: wenn ich mir vorstelle, ich kriegte den ‹Befehl›, auf
die 200 Schuß zu ‹legen› ? !“), muß
man fliehen und durch Nachdenken befehden. Das Ertauben durch die
Kriegsmaschine Kreissäge – sie erzeugt einen „Todeston“
beim Zerschneiden eines „Baracken=Fensterrahmens“ –,
der sich steigernde Rückzug aus der Realität, verändert
die Weltwahrnehmung ins Positive: aus dem U-Boot der Anfangsszene
wird für die Protagonisten am Schluß „jene
Archenoah, lautlos treibend in Roggenseen“. Die unversehrt
gebliebenen Gattinnen dagegen kommentieren: „»Na,
‹lautlos› ? – Das knattert doch ganz anständig.«“
›Kühe in
Halbtrauer‹, ein programmatischer Titel: der funkelnd-helle
Witz der Oberfläche auf dem dunklen Grund einer
wesensverändernden existenziellen Erfahrung. Diese Technik
stellt auch heute eine schriftstellerische Herausforderung ersten
Ranges dar: wie kann man in eine souverän und ironisch
gestaltete Weltbeobachtung einen Subtext von gewaltiger und
gewalttätiger Zeitgeschichte eintragen, der die Balance einer
›Halbtrauer‹ erzeugt, wie sie Schmidt so meisterlich
gelungen ist?
- Dieses und alle folgende Zitate aus: Arno Schmidt: Kühe in
Halbtrauer, in: Bargfelder Ausgabe Werkgruppe 1, Band 3, Haffmans
Zürich 1992, S.337-349.
Die Geschichte ist auch nachzulesen in: Arno Schmidt: Windmühlen. Erzählungen, Reclam Stuttgart 1989
Veröffentlicht in: Federwelt – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren – Nr. 62 (Februar/März 2007), Uschtrin Verlag, München, S. 22-25 ...zurück zum Text